Agadir

Etappe 3 ~ v. So. 22.5. bis Do. 26.5.2011


Diese Stadt ist anders, gaaaanz anders als Marrakesch. Ich fand sie nicht so dolle. Anders ausgedrückt, eher etwas langweilig, nachdem mein Landungsziel so überwältigend war. Und das war auch gleich mein erster Eindruck, als der Bus in die Stadt einfuhr und mich zuerst einmal eine ganze Weile durch ein ziemlich steril erscheinendes Stadtgefüge geschaukelt hatte, bevor er mich dann an dem ziemlich leblosen erscheinenden „Gare Routière“ absetzte. In Marrakesch brummte es selbst an dieser Stelle, wie auch in anderen Städten, mit solchen großen Busbahnhöfen. Hier stand ein einziger Bus in seiner Bucht, und unser fuhr gerade ein.

Geschaukelt hatte der Bus, weil die Einfahrtsstraße alle paar Meter von einem breiten Huckel unterbrochen wurde, der zugleich zebrastreifenmäßig angemalt war und wohl zugleich als Fußgängerüberweg diente. Rasen war hier damit kaum drin. Allerdings waren diese Gebilde nicht weiß-schwarz, sondern orange-weiß gemustert. Und im gleichen Blutorange leuchteten auch alle „petite taxis“, was bei der ameisenhaften Menge dieser Autos den ansonsten eher langweilig wirkenden Straßen eine ziemliche, ja, wohltuende Farbigkeit verlieh. Und mit genau so einer Apfelsine gelangte ich dann fix an mein Ziel, in das von Kamal empfohlene Hotel Excelsior. Und das sogar mit Taxameter, die es in Marrakesch zwar auch gab, aber nie eingeschaltet wurden, bis auf einmal, als der Fahrer mir nach unserer Preisverhandlung zeigen wollte, dass die eben ausgehandelten 10 Dirham für die Fahrt auch ca. per Taxameter heraus gekommen wären.

Nach meiner 4-stündigen Busfahrt ~ die die meiste Zeit über eine mautpflichtige, nahezu leere Autobahn ging ~ war nun endlich und deutlich zu erkennen, dass ich mich von Marrakesch nun wirklich verabschiedet hatte, um langsam in diese Andersartigkeit einzutauchen. Wobei Kamal mir bei unserer echt marokkanischen Abschiedsumarmung prophezeite, dass ich es nicht lange in Agadir aushalten und reumütig nach Marrakesch zurückkommen würde. Dabei weiß der Mann doch, dass ich von Agadir weiter nach Essauouria will.

Bei meinem ersten Rundgang fielen mir aber sehr schnell noch weitere Dinge auf, die viiielleicht sonntagsbedingt waren. Die meisten Geschäfte hatten geschlossen, und es waren nur wenige Menschen unterwegs, was auch an der Hitze gelegen haben könnte, denn abends sah es dann schon um einiges lebhafter aus. Aber weder am Tag, noch am Abend, traf ich einen Bettler. Und dann am nächsten Tag auch nur ganze 4; sie hielten wohl auch Sonntagsruhe oder hatten ihr Revier an anderer Stelle.

Souks habe ich auch keine entdecken können und laut Stadtplan scheint es auch nur eine Ecke zu geben, in der es diese kleinen Gassen gibt. Das alles, und das steril erscheinende Stadtbild, mag seinen Ursprung darin haben, dass Agadir seinerzeit am 29. Februar 1960 durch ein Erdbeben komplett zerstört und quasi am Reißbrett neben der zerstörten Stadt, auf einem neuen Gelände wieder aufgebaut wurde. Sich hier, im neuen Agadir zu verirren, ist kaum drin.

Wie es wohl damals gewesen wäre, wenn es kein Schaltjahr und damit keinen 29ster Februar gegeben hätte?

Auch die hiesigen Autofahrer sind anders. Sie halten oft ganz freiwillig an, um einen an einer Ampel oder auch so ~ wenn jemand am Straßenrand steht ~ mit Handzeichen über die Straße zu lassen. Das habe ich in Marrakesch nicht ein einziges mal gesehen oder gar erlebt. Aber eine Garantie gibt es auch hier nicht.

Und obwohl es eine Touristenstadt ist, die an den entsprechenden Stellen Malle nicht unähnlich ist und in der unter anderem auch viele deutsche Urlauber am Strand und sonst wo abhängen, traf ich erst einmal keinen aus dieser Kategorie. Vielleicht deshalb, weil ich zuerst in einer Budget Unterkunft im Ortsteil Talborjt eingechecked hatte, statt in einem der renommierteren Hotels in Strandnähe, an dem sie wahrscheinlich zu finden sein dürften. Denn der Hauptstrand war so mallorcaähnlich voll, sicher auch von einheimischen Urlaubern, so dass ich mich nicht entschließen konnte, mich auch in dieses Getümmel zu stürzen.

Und heiiiiiiß war es hier, potverdammer, ich hätte es kaum jetzt schon für möglich gehalten, aber an meinem zweiten Tag sah ich einen dieser Anzeiger an einer Bank, die wechselweise das Datum, die Uhrzeit und die Temperatur in Grad Celsius, nicht Fahrenheit, anzeigen. Morgens um 10 Uhr zeigte das Teil bereits 42 Grad und abends gegen 18 Uhr immer noch 44. Mag ja sein, dass das Gerät gesponnen hat, denn laut Internet waren es „nur“ 37 Grad. Schuld an diesen Temperaturen war ein heißer Wüstenwind, der von der Sahara nach Agadir und auch nach Marrakesch herüber blies.

Aber egal, welche Temperatur nun stimmte, es fühlte sich eher noch nach mehr an. Ich mochte kaum noch das Hotel verlassen, zumal ich nach meinem zweiten Anlauf im Hotel Bahia ~ das ist auch der Name des alten Königpalasts in Marrakesch ~ gelandet war, aus dem ich am liebsten gar nicht ausgezogen ware. Es war das sauberste und schnuckeligste Hotel ~ nicht stimmungsvollste ~ in dem ich bisher in Marokko eingeschecked habe. Es hatte ein schweinchen-rosa Waschbecken und ein ebensolches Bidet im Zimmer, einen landestypisch aussehenden Einbauschrank mit Gitterfüllungen, eine umlaufende vornehm aussehende Stuckleiste, sowie Stuckelemente an der Decke und einen Glitzeranstrich an den Wänden. Ich hätte sogar den ebenfalls vorhanden Fernseher einschalten und mir das deutsche Programm ins Zimmer holen können. Aber der Versuchung konnte ich gut widerstehen.

Das Hotel hat auch einen Innenhof, der aber nicht mit dem eines Riads vergleichbar ist. Dort wurde gefrühstückt, obwohl „le petit déjeuner“ nicht im Preis enthalten war. UND es gab ein Klimagerät, das mir flugs wunderbare kühle 28 Grad herzauberte, wenn ich aus der Hölle da draußen erhitzt und transpirierend zurückkam. Außerdem hatte es, fast noch wichtiger, WIFI „dans les chambres“. Hah, WLAN im klimatisierten Zimmer. Wenn das nichts ist. Und für die wahrscheinlich kühleren Wintertage gab es sogar einen kleinen Heizkörper.

Das Ganze machte den Eindruck, als wäre es erst vor kurzem bezugsfertig geworden. Wie ich aber später von einem deutschen Gast gehört habe, gibt es das Hotel Bahia bereits seit Jahren, aber es wurde tatsächlich vor kurzem komplett renoviert und umgebaut. Dieser Mann verbringt hier ~ wie er mir erzählte ~ zweimal im Jahr je 12 Wochen seines Rentnerdsaseins. Es ist also kein Backpacker Hostel, aber Agadir ist anundfürsich auch kein Backpacker Ziel.

Es gibt zwar einiges im Umfeld, was interessant sein könnte, aber es ist nicht ganz so einfach dorthin zu kommen. Ein Auto, besser noch ein Geländewagen wäre hilfreich und daran scheitert es, weil so ein Teil mit mind. 30 € pro Tag, meine Reisekasse arg plündern würde. Zuzüglich Sprit. Und wenn ich im Lonely Planet lese, wie umständlich es ist, mit den lokalen Bussen + Taxi usw., überall hinzu kommen, mochte ich mir das bei der Hitze nicht antun.

Das Excelsior war trotz Empfehlung nicht so sehr der Brüller, Kamal muss lange nicht mehr hier gewesen sein. Und in der Zeit wird es sich wohl etwas abgenutzt, den Besitzer gewechselt oder sonst was verändert haben. Denn trotz anders lautender Ansage, war es nicht besonders sauber und wegen der Lage laut und heiß. Das Kopfkissen war gut 25 cm dick und hart, wie eine alte Rosshaar Matratze. Außerdem musste ich das Bad und zeitweilig auch mein Zimmer, mit hübsch großen Kakerlaken teilen. Letzteres hatte ich lange nicht mehr und schaute ihnen erst mal wieder fasziniert zu, wie sie durchs Bad wuselten. Das mutigste dieser Krabbelviecher hat es dann allerdings nicht lange überlebt, als es die Badezimmertür ~ die von mir festgelegte Grenze ~ dreist überschritt. Bad von mir aus, Schlafzimmer nein.

Aber eins war wieder große Klasse, und das war Abdul, der die Rezeption und alles andere unter sich hatte. Er war, wie die Jungs im Riad Iaazane, einfach nur goldig in seiner Art. Und für einem klitzekleinen Moment habe ich sogar überlegt, ob ich nicht seinetwillen bleiben sollte. Mit was hat er mich nicht alles versorgt, mit Tipps für alles mögliche und mit einem prima Stadtplan, auf dem mal etwas mehr zu erkennen war, als üblich. Er lud mich ein, abends noch in der „Lounge“ zu sitzen, um zu schwatzen. Und das Schärfste, er wollte mir sogar etwas von einem ganz bestimmten Gericht mitbringen, das seine Mutter immer kocht. Und das nur, weil er mir nicht verständlich machen konnte, wie es heißt und aus was es besteht. Ich verstand immer nur etwas, was wie „Pastilla“ klang und dachte dabei an Nudeln. Die waren es aber nicht, wie ich dann in einem Restaurant erfuhr, das dieses Gericht auf der Karte hatte. Allerdings nur auf Bestellung, es musste wohl etwas Besonderes sein. Und diese Bestellung habe ich dann natürlich aufgegeben. So ein besonderes Gericht für 100 Dirham musste ich einfach probieren. Meine Fantasie schlug schon wieder Purzelbäume ob der exotischen Genüsse, die mich erwarten würden.

Was
dann kam, sah schon irgendwie exotisch aus, aber eher wie ein liebevoll mit Puderzucker in einem Rautenmuster bestäubtes und mit kleinen Minzesträußchen dekoriertes / garniertes dickes Faldenbrod. Wie sich herausstellte, war es dann eher ein Kuchen aus Blätterteig, wie eine gefüllte Pastete. Aber obwohl Blätterteig, war das Zerlegen ein hartes Stück Arbeit, bei der ich mich trotz Spezialmesser, wie bei 'ner Pizza, ganz schön anstrengen musste, um überhaupt etwas davon abgeschnitten zu bekommen, denn der Boden war recht hart und der Rest sehr bröckelig. Das Teil war mit einer Füllung aus Hackfleisch und anderen, nicht identifizierbaren Zutaten versehen, die mit Minze und anderen Gewürzen abgeschmeckt war. Das schmeckte auch ganz interessant, aber ich muss es nicht wiederholen und mein Favorit aus der marokkanischen Küche wurde es nicht. Außerdem war dieser „Kuchen“ so mächtig, dass ich gerade mal die Hälfte davon essen konnte. Ein dickes Stück Buttercremetorte kommt da kaum mit. Vielleicht hat sich noch jemand aus dem Team des Restaurants oder jemand anderes am Rest gütlich getan. Ich hab's jedenfalls angeboten, da man mir die halbe Pastilla einpacken wollte.

Abdul machte einen etwas bedröppelten Eindruck, als ich ihm erzählte, dass ich auschecke. Es ist auch zu seltsam, wie anders und angenehmer marokkanische Männer sein können, als jede Art Mann, dem ich bei uns je begegnet bin. Angeblich sollen es ja alles Machos sein, was ja durchaus auch stimmen mag, wenn es um ihre Frauen geht. Ich kann es anhand meiner Begegnungen wirklich nicht beurtreilen, zumal mir hier bisher nie der sich aufplusternde „Gockel“ begegnet ist, den Machos bei uns so gerne herzeigen. Und wenn ich daran denke, wie Hakim und Kamal mit Lativa umgingen, dann hatte das absolut nichts machohaftes, sondern liebevoll-schwesterliches an sich. Aber weiß ich, wie sie wirklich sind?

Wie schon in Imlil, konnte ich auch hier kaum nachvollziehen, wieso ich für ein Hotel, dass sich für mein Empfinden derartig am unteren Level bewegt, kaum weniger löhnen musste, als für das Schmuck-Kästchen, dass ich dann entdeckte. Das Excelsior verlangte für das Zimmer 100 Dirham (keine 10 €) die Nacht, und das Bahia nur 40 DH mehr. Das steht doch in keinem Verhältnis.

Aber wie schon im Lonely Planet angekündigt, ist es in Agadir, der Touristenstadt, eh nicht ganz einfach, im Budget Bereich eine gescheite Unterkunft zu finden. Was ich nur bestätigen kann. Denn meine Suche in den Buchungsmaschinen von Hostelworld & Co hatten mich die Hoffnung fast aufgeben lassen, etwas preisgünstiges und dabei brauchbares zu finden. Dormbetten gab es nur sehr wenige und die Einzelzimmer waren ganz dünn gesät, es gibt fast nur Doppelzimmer. Na ja, ich bin auch froh, dass ich bei der Hitze nicht in einem Mehrbettzimmer gelandet bin. Bei Hostelworld & Co konnte ich immer nur ein Doppelzimmer wählen, was dann auch den doppelten Preis ausmachte. Und hier hatte und habe ich, sowohl im Excelsior als auch im Bahia, ein Doppelzimmer, zahle aber nur für eine Person. Ohne Buchungsmaschine geht es also preisgünstiger.

Und nun habe ich alles in die Wege geleitet, um meine Agadir-Zelte wieder abzubrechen und ins hoffentlich kühlere 175 Kilometer entfernte Essaouria zu fahren. Das Zimmer im Riad Dar Afram ist gebucht ~ wieder ohne Buchungsmaschine ~ und das Busticket gekauft. Und ich bin gespannt, wie a) meine nächste Bleibe und b) meine nächste Stadt sein wird. Auf seiner Website
www.darafram.com macht das Hotel schon mal einen prima Eindruck. Und auch alles über Essaouria liest sich äußerst interessant. Vielleicht läuft diese Stadt Marrakesch ja den Rang ab.

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