Casablanca ~ Teil 1
Etappe 5 ~ v. Fr. 03.5. bis Fr. 10.06.2011
Wer kennt diesen Namen nicht und bringt ihn automatisch mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann, bzw. dem Spruch „Schau mir in die Augen Kleines“ in Verbindung. Casablanca, die Stadt der weißen Häuser, denen sie ursprünglich ihren Namen zu verdanken hatte. Aber das ist schon eine Weile her, obwohl es immer noch jede Menge weiße Häuser gibt, von denen aber die meisten eher angeschmuddelt aussehen, weil sie wahrscheinlich seit ihrer Erbauung zur Jugendstil Zeit keinen Anstrich mehr gesehen haben. Wie man mir sagte, liegt es oft daran, dass in den Wohnungen seit 30, 40, ja 60 Jahren, die gleichen Familien wohnen und oft für eine 300 Quadratmeter Wohnung noch immer die alte Miete von umgerechnet ca. 30 oder 40 Euro zahlen und somit kein Geld für Renovierungen da sei. Eine deutsche Mitarbeiterin im Goethe Instititut wies mich darauf hin, als wir über Casablancas alte Häuser sprachen. Sie fügte hinzu, damit ich nicht gar zu schlecht über die vielen maroden Häuser denken solle. Wobei ich ihr verschwieg, dass die Art, so zu denken, nicht die meine sei. Allenfalls würde ich annehmen ~ genau wie bei uns ~ dass hier langsam und berechnend Platz für einen lukrativeren Neubau geschaffen werden soll. Ansonsten finde ich es nur bedauerlich, dass diese alte und dabei so schöne Bausubstanz dem langsamen Verfall preisgegeben wird. Dabei besitzt sie selbst in ihrem maroden Zustand noch einen Charme, den kaum ein heutiges Haus auszustrahlen vermag. Und das gilt selbst für solche Gebäude, wie das alt-ehrwürdige Hotel Lincoln hier in der Nachbarschaft des Mon Reve, das aussieht, als wenn es jeden Moment in sich zusammenkrachen würde.
Aus der ehemals kleinen Stadt ~ wie man an der alten Medina noch ablesen kann ~ ist durch Landflucht usw. im Laufe der Jahre eine Millionenstadt geworden, die fleißig durch Häuser und Hütten aller Couleur ~ vor allem in den Slums ~ weiterwächst, und in der keine Einigkeit über die Einwohnerzahl herrscht. Sagt Wikipedia und der Lonely Planet etwas von etwa 3,und Millionen, spricht der eine Einwohner Casas von ca. 16 Millionen. Und ein anderer meint, dass es „nur“ ca. 10 Milliönchen sind. Auf ein paar mehr oder weniger kommt es da eh nicht mehr an, denn die Probleme sind an allen Ecken und Kanten unübersehbar, auch bei nur etwas mehr als 3 Millionen. Wie z.B. das Müllproblem, das sich spätestens jeden Abend in der Innenstadt aufs Neue zeigt. Denn dann quellen alle Mülltonnen und Container derartig über, das sogar die umliegenden Bürgersteige herhalten müssen und man in einem Bogen über die Straße ausweichen muss.
Oder der Verkehr, durch den sich unser Bus bei der Ankunft etwa 1 Stunde zu kämpfen hatte, bis wir dann mit ca. 2 Stunden Gesamtverspätung endlich am CTM Busbahnhof ankamen. Womit der bisher höhere CTM Punktestand ziemlich zusammen schmolz. Nicht hauptsächlich wegen der Verspätung, sondern auch wegen anderer Dinge, die alle nicht an die Perfektion meiner ersten CTM Busfahrt anknüpfen konnten. Dafür liegt dieser Busbahnhof interessanterweise direkt im Schatten des fast majestätischen Sheraton Hotels. Was in mir die beiden Fragen auslöste, ob zumindest auch gelegentlich Sheraton Gäste mit dem CTM Bus ankommen und ob hin und wieder wohl auch Sheraton Gäste mit so einem Bus weiterfahren? Da aber der Busbahnhof nicht dem Hoteleingang gegenüber liegt, sondern auf der Rückseite, dürfte meine Fragen eher akademisch sein. Zumal der Kontrast beider Gebäude schon jegliche Annäherung des Klientels unmöglich erscheinen lässt.
Aber wie dem auch sei, zuerst wusste ich nicht, wie ich diese Stadt für mich einschätzen sollte. Was nichts mit dem Sheraton und dem Busbahnhof zu tun hatte, sondern mit all dem, was mir auf Schritt und Tritt begegnete. War ich überhaupt noch in Marokko? Wenn nicht zumindest dieses Wort und die Landesfahne immer wieder irgendwo zu sehen gewesen wäre, hätte ich glatt ins Grübeln kommen können. Und so war mir vor allem in den ersten Stunden und Tagen auch nicht klar, ob ich schnellstens die Kurve kratzen oder doch etwas länger verweilen würde. Entsprechend dem Satz im Lonely Planet, nachdem es Casablanca durchaus wert ist, ein paar Tage länger zu bleiben und nicht ~ wie es anscheinend die meisten Reisenden tun ~ die Stadt als Transitstadt in Richtung Marrakesch, Fes oder Essaouria anzusehen und nur einen kurzen Stopp einlegen.
Als erstes aber musste ich mich an meinem ersten Abend ~ der Bus war mit besagter Verspätung erst gegen 20 Uhr eingetrudelt ~ mit einer erneuten Lonely-Planet-Griff-ins-Klo Empfehlung arrangieren. Wie hieß es doch dort so einladend, so dass ich mein Bett für meine erste Nacht in Casablanca von Essaouria aus dort per Mail vorbuchte? «Das günstige, saubere Hotel wird von derselben Familie geführt, wie das Guynemer. Seine geräumigen Zimmer haben eigene Bäder oder Duschen. Prima Preis-Leistungs-Verhältnis!» Darauf konnte ich schon einsteigen. Nur nicht mehr gut noch am gleichen Abend aussteigen. Denn um die Zeit, in der es auch dunkel wurde, wollte ich mich nicht mehr mit meinem Gepäck auf die Suche nach einer angenehmeren Bleibe machen. Und so wurde das vorgebuchte Hotel Oued Dahab zwangsläufig mein Hotel für gewisse Stunden. Nämlich die eines relativ unruhigen Schlafs, da bereits die Zimmertür und auch alles andere in jeder Richtung keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck machte.
Die Tür ließ sich zwar abschließen, aber dennoch hatte ich das Empfinden, als ob sie sich von außen mit einem kleinen Ruck oder einem Schraubenzieher ganz leicht öffnen lassen würde. Denn das Schloss lag irgendwie lose in dieser Ausbuchtung, in der es sich bei einer Tür normalerweise fest eingepasst befindet. Dieses schlackerte jedoch hin und her und damit auch die gesamte Tür. Ein zusätzlich angebrachter Verschlussriegel existierte zwar, funktionierte aber nicht, weil er nur noch zur Hälfte anwesend war. Um während der Nacht zumindest die Andeutung einer verschlossenen Tür zu verspüren, verkeilte ich meinen Trolley so zwischen Tür und Wand, dass er einem allzu leichten Öffnen der Tür von außen zumindest etwas entgegen zu setzen hatte.
So leicht sich die Tür von außen scheinbar öffnen ließ, so wenig ließ sie das interessanterweise dafür von Innen zu, nachdem das Schloss in die Falle eingeschnappt war. Denn die Türklinke drehte sich nur lose in ihrer Führung, ohne jedoch die Schließe mitzunehmen. Ich war also erst einmal in meiner Butze eingesperrt und suchte in meinem Gepäck nach irgendeinem geeigneten Werkzeug, um sie wieder verlassen zu können. Meine Nagelfeile erwies sich dann als prädestiniert und nach einigem Stochern und Ruckeln hatte ich es geschafft. Wobei die Tatsache, dass das Schloss hin und her schlackerte, recht hilfreich war. Auch hier wieder der Gedanke, was von Innen möglich ist, müsste auch von Außen funktionieren. Aber das habe ich nicht ausprobiert.
Als ich das Einschließproblem dann unten monierte, wollte man mir erst ein anderes Zimmer zur lauteren Straße geben. Was auch nicht so das Gelbe gewesen wäre. Aber dann hatte der Rezeptions-Mensch eine zündende Idee. Er drückte nämlich die Schließe zurück und stopfte ganz einfach solange Papier in den Schlitz, bis dieses kleine Schließteil festgekeilt war. Und aus war's mit der Maus. Ich war begeistert ~ zumindest darüber ~ und er war begeistert. Und so freuten wir uns gemeinsam über diesen kleinen Genie-Streich. Hätte ich auch drauf kommen können. Aber da ich ja kein Genie bin ... Dennoch war der Rest immer noch nicht begeisternd, denn zum einen war es ein Raucherhotel, was an den überall auf dem PVC Boden sichtbaren Brandflecken diverser Zigarettenstummel achtsamer Raucher, sowohl im Flur, als auch im Zimmer erkennbar war, und an gleich zwei Aschenbechern, mit langjährigen dunklen Nikotinablagerungen. Es roch einfach überall nach den vielen, vielen Zigaretten, die in diesem Raum und in diesem Haus schon als Rauchopfer dargebracht worden waren.
Hinzu kam, dass alles andere so schmuddelig wirkte, dass ich ein weiteres Mal nach Imlil meine eigenen Schlafutensilien heraus kramte und hier selbst die Dusche nicht benutzen mochte, obwohl ich extra ein Zimmer mit Dusche oder Bad verlangt hatte. Und wenn ich nicht dringend aufs Klo gemusst hätte ~ das sich nicht im Bad befand, welches geschickt mittels einer 2 Meter hohen Wand vom Raum abgetrennt worden war, sondern auf dem Flur ~ wäre ich freiwillig erst einmal nicht auf das einzige Klo auf unserer Etage gegangen. Ich hätte es mir ~ wie damals in der Gobi ~ so lange verkniffen, wie eben möglich. Im Übrigen verfügte das Klo über eine ähnlich klapprige Tür, wie mein Zimmer. Was mir aber weniger ausmachte, als bei der Zimmertür. Und so habe ich, wenn es halt nicht so dringend war ~ sorry, wenn ich das so sage ~ der Not gehorchend ins ebenfalls nicht besonders sauber aussehende Waschbecken gepinkelt. Aber bei 150 Dirham für so eine Absteige, war ich der Meinung, mir das erlauben zu können, ja, zu müssen. Frei nach dem etwas abgeänderten Motto: „Da pinkel (pfeif) ich doch drauf.“
Ich habe dann noch am selben Abend ~ trotz Dunkelheit ~ das nähere unbekannte Umfeld abgegrast, um etwas anderes zu finden, damit ich gleich am anderen Morgen umziehen könnte. Allerdings war das Ergebnis leider nicht so berauschend, dass ich einen Purzelbaum geschlagen hätte. Obwohl beide Alternativen schon eine deutliche Verbesserung gewesen wären. Und so war klar, dass ich mich am nächsten Morgen erneut auf die Suche machen würde und wurde dann im Hellen auch schnell fündig. Es war sogar eine andere LP Empfehlung, nämlich das Hotel Mon Reve, das sich gar nicht weit entfernt in einem der vielen alten Jugendstil Häuser mit einem dieser ovalen Treppenhäusern befand, die sich in bestimmten Filmen so äußerst dekorativ machen. So auch hier. Ich musste immer mal wieder in dieses Oval hinauf oder hinunter schauen. Es fehlten nur die Verfolgerschritte.
Allerdings bedeutete es, dass ich dieses entzückende Kleinod von Treppenhaus mit seinen 92 Treppenstufen ins dritte OG, jeden Tag mehrmals rauf und runter laufen musste. Aber der faulen Socke, die ich sportlich nun mal bin, würde das sicher gut bekommen. Zumal diese LP Empfehlung durchaus mindestens ein Doppel-Sternchen verdient hätte, wenn es die denn im LP gäbe. Das Zimmer gefiel mir auf Anhieb, es war relativ geräumig mit zünftiger Stuckdecke und schummriger Jugendstil Lampe an derselben, hatte einen Schrank + Tisch + Stuhl und ein breites Bett, sowie den obligatorischen Fernseher. Dafür beschränkte sich das Duschbad ~ mit so weit streuendem Duschstrahl, dass ich fast von Strahl zu Strahl hüpfen musste ~ incl. WC auf ein Minimum. Aber es reichte, um nass zu werden und und auch sonst alles erledigen zu können, was in solchen Räumlichkeiten erledigt werden will. Dabei war alles sauber und wurde jeden Morgen erneut von einer immer strahlenden Kopftuchfrau auf Vordermann gebracht. Sie machte sogar das Bett.
Und das alles bekam ich für die gleichen 150 Dirham, die ich zuvor für das Zimmer im Schmuddel-Hotel bezahlt hatte. Wenn auch hier ohne Frühstück, das beim Oued Dahab inclusiv und zugleich das Beste am ganzen Hotel war. Es war 3 Häuser weiter, in dem wunderschön restaurierten, unter gleicher Leitung stehenden, aber beim Einzelzimmer dreimal so teuren Hotel Guynemer in einer Art Frühstückbuffet aufgebaut. Allerdings konnte ich es, bedingt durch meine schnelle Flucht, nur einmal in Anspruch nehmen. Kapier einer, warum der Besitzer das eine Haus wie einen Saustall führt, während sich das andere baulich und alles andere betreffend als Kleinod darstellt. Dass es auch anders geht, bewies das Mon Reve. Es ist zwar sicher nicht direkt mit dem Gyunemer vergleichbar, aber eine durchaus empfehlenswerte Adresse im Sumpf der Schmuddelabsteigen.
Aber auch hier war ich wieder auf mein rudimentäres Französisch ~ das nach wie vor nicht so richtig in Gang kommen wollte ~ angewiesen. Das gesamte Personal sprach nämlich kein bisschen Englisch, und so stotterte ich mich halt irgendwie durch. Trotz dieser kleinen Schwierigkeit ~ mit der ich nun mal überall leben muss ~ glich es den miesen Eindruck des ersten Hotels wieder aus. Und das Putzigste daran war, es lag nur eine Straße umme Ecke weiter, als der Busbahnhof, an dem ich angekommen war. Selbst das Oued Dahab wäre also per pedes gut erreichbar gewesen. Ich hatte das Taxi kaum bestiegen, da waren wir auch schon da. Und das, obwohl der Taxifahrer ~ genau wie ich ~ zuerst keinen Schimmer hatte, wo die Straße und das Hotel wohl sein könnte.
Dass ich mich hier aber wieder selber um mein Frühstück kümmern musste, empfand ich nicht als Nachteil. Hatte es doch den Vorteil, dass ich jeden Morgen wechseln und ein anderes Restaurant ausprobieren konnte. Was ich allerdings so gut wie gar nicht tat, entdeckte ich doch etwas viiiiiel Besseres. Nämlich die Möglichkeit, mir selber mein „petit déjeuner“ zu kreiren, und zwar in der gleich neben dem Mon Reve liegenden Markthalle, in der es halt alles an frischen und sonstigen Fressalien gab, was den Magen lachen lässt. Hier konnte ich mir das wunderschönste Frühstück zusammenzustellen, dass ich mir ausdenken, bzw. zusammensuchen konnte, um dann damit zu einem der kleinen Markt-Restaurants zu gehen, die mein Frühstück mit frisch gepresstem O-Saft, Kaffee, Baguette, ggfls. mit einem Omlett und überhaupt nach Belieben ergänzten.
Wenn mir zum Frühstück schon danach gewesen wäre, hätte ich gleich als Einstimmung in einen fürstlichen Tag oder als krönenden Abschluss, ein bis X Austern schlürfen können. Aber das habe ich mir eher für andere Tageszeiten aufgehoben und reichlich genutzt. Die kleineren gab es schon für 8 Dirham, die mittleren, meine Wahl, für 10 (knapp 90 Cent das Stück) und die großen für 15 DH. Einmal habe ich von der Marktfrau sogar so eine große für 15 DH geschenkt bekommen, wie sich das für einen Stammgast gehört. Gelle? Dabei wusste ich erst gar nicht, ob ich die Dinger überhaupt noch mögen würde, so lange hatte ich das leckere Glibberzeug nicht mehr gekostet. Aber ich mochte, und wie.
Und am nächsten Morgen habe ich dort dann auch schon zum ersten Mal gefrühstückt. So richtig mit franz. Salami, franz. Schinken, franz. Pastete, franz. Käse usw. Auch solche Leckereien gibt es dort, wenn auch nur an dieser Stelle, da die Produkte aus Schweinefleisch hergestellt sind und von richtigen Gläubigen nicht gekauft werden. Und den Käse musste ich eh an einem anderen Stand kaufen. Keine Ahnung, ob sie in Marokko hergestellt oder eingeführt wurden. Der kleine Marktshop wird von einem äußerst sympathischen Schwarzen betrieben, der mindestens eineinhalb Köpfe größer und auch breiter ist als ich und für ihn und sein Angebot käme ich glatt noch mal nach Casa. Es machte jedes Mal Spaß, mit ihm in seiner tiefen dunklen Stimme zu Radebrechen, denn auch er war vom globalen Englisch-Trend absolut unbeleckt. Auch sein Lachen kam mit dieser Stimme gut. Ich war jedes Mal ganz weg von beidem, vor allem, wenn ich mal wieder ein neues Wort in die französische Sprache eingeführt hatte und es ihn schüttelte. Und ich, ich hatte eh gut Lachen, habe ich doch bei ihm immer etwas anderes gefunden, was ich noch nicht probiert hatte. Es wurde also nie langweilig, wie es mir mit der ewigen Marmelade und hin und wieder mal etwas Honig oder eines dieser kleinen Schmierkäse Viertelchen mit der lachenden roten Kuh drauf schon passieren konnte. Dieser Schmierkäse, den ich sonst, wenn eben möglich, kaum anrühre, sorgte im normalen Alltag hier dann schon mal für Abwechselung. Na ja, damit kann ich zwar leben, aber als ich diese Dinge sah ... manoman, ich war hin und weg. Ähnlich wie damals, als ich von China nach Hanoi kam und dort dieses vietnamesisch geführte Café mit frischem Baguette und ähnlichen Leckereien aus Frankreich entdeckte.
Dabei genoss ich mein erstes Markthallen-Frühstück nicht alleine, sondern mit Mohamed einem jungen Marokkaner (26). Er probierte sogar zum ersten Mal ein Scheibchen meiner Salami aus Schweinefleisch und trinkt auch hin und wieder Bier Er hatte mich auf meinem ersten richtigen Streifzug durch die Gemeinde aufgegabelt. Und das auf eine Art und Weise, der ich nichts entgegen zu setzen hatte, so dass ich es zuließ, dass er mir den kurzen Rest des Weges zu der alten, aber seit Marokkos Selbstständigkeit nicht mehr im Dienst stehenden Kirche Sacre Coer zeigte, obwohl ich aus eigenem Vermögen bereits fast bis an ihre Tore gelangt war. Er erwähnte so ganz nebenbei, dass der Kirchen-Aufpasser Hassan, ein guter Freund von ihm sei, der mich sicher hineinließe, obwohl dort gerade die Ausstellung des deutschen Künstlers Günther Uecker vorbereitet würde und die Kirche für Besucher auf höhere Anweisung nicht zugänglich war. Nachtigall ick hör dir trapsen.
Allerdings weiß ich gar nicht mehr, wie er es angestellt hatte, ihn zu akzeptieren. Vielleicht war es ja auch nur das, dass ich gleich zu Anfang meine eigene Gretchenfrage stellte, nämlich die, was mich denn letztlich seine Begleitung kosten würde. Die Antwort und seine Reaktion auf meine Frage war nach all den vorangegangenen Erlebnissen dieser Art verblüffend. Sie lautete nämlich: „Gar nichts“, was zusätzlich von einem Erstaunen in seinem Gesicht verstärkt wurde, das mir den Schwarzen Peter zurückgab. Denn dieses Erstaunen über meine ungeheure Frage war vermischt mit einer Art Unverständnis und auch leichter Betroffenheit oder gar Beleidigtsein?
Ich konnte ihn nur fasziniert anschauen und wahrnehmen, welche Facette er mir da anbot. Und fragte mich, ob das den wohl stimmen könnte, was mir da widerfuhr. Oder ob dieser junge Mann ein so guter Schauspieler im Kampf auf der Straße und mit den Touristen geworden war, so dass ich bereit war, es ihm abzukaufen. Nun denn, wie dem auch sei, etwas reizte mich, mehr über ihn herauszufinden. Und vor allem, ob am Schluss nicht doch wieder die allgemeine Gretchenfrage stand, nur zur Abwechselung mal etwas anders, geschickter verpackt. Aber mit oder ohne diese Frage, hat Mohamed meinen Casablanca Aufenthalt in einer Weise mit gestaltet, die ich auf gar keinen Fall missen möchte. Er erzählte und zeigte mir in der Zeit, die wir zusammen verbrachten, Dinge über seine Stadt ~ er bezeichnete sich als City-Boy ~ und auch noch einiges mehr, das eine Dirham-Forderung für sein Engagement durchaus gerechtfertigt hätte. Bei jedem offiziellen Führer wäre sie selbstverständlig gewesen. Aber sie unterblieb tatsächlich, um es vorweg zu sagen. Ich musste ihm zum Schluss mein zusätzliches Dankeschön in Form einiger Dirhams regelrecht aufdrängen. Denn das Essen ~ auch das erwähnte Frühstück ~ einige Taxifahrten, Eintritt hier und da, sein Bier und was es sonst noch so war, hatte ich ja eh schon übernommen. Und auch hier fragte ich mich erneut, ob es „nur“ gekonnt geschauspielert war oder echt. Ich neigte zum letzteren.