Casablanca ~ Teil 3

Und so bin ich am nächsten Morgen mit frischeren Batterien den gestrigen Fuß-Stapfen noch einmal alleine gefolgt. Außerdem brauchte ich mal wieder eine Mohamed-Auszeit. Hin- und rückwärts durch die Medina, wenn auch teilweise auf leicht abgewandelten Wegen, da es ja noch genügend Gassen gab, die mich noch nicht gesehen hatten. Oder ich sie. Denn da es nach Marrakesch noch keine so verwirrende Medina wieder gegeben hatte, galt auch hier der alte Erfahrungssatz: Wo ich einmal hingefunden habe, auch wenn eher meine Begleitung den Weg vorgegeben hat, da finde ich wieder hin, selbst wenn ich ein paar Umwege einbaue. Und so fand ich auch den Shop wieder, an dem ich O-Saft getankt hatte und Mohamed seinen Bananen Milchshake, sowie den kleinen Laden, in dem meine gute asbachuralte Sonnenbrille für 25 Dirham repariert worden war. Der Bügel war abgebrochen, und das Scharnier hatte sich ziemlich verbogen. Das wäre bei uns wahrscheinlich irreparabel gewesen oder hätte ein kleines Vermögen gekostet, so dass eine neue Brille günstiger gekommen wäre. Und ich fand sogar den versteckt liegenden Schneider, der mir eine neue Aufbewahrungstasche für mein Notebook für 20 Dirham gemacht hatte, weil die alte sich nun wirklich langsam auflöste. Beides wäre ohne Mohameds Hilfe kaum möglich gewesen, zumal selbst er sich durchfragen musste, bis wir beim jeweils richtigen Mann gelandet waren.

Mustafa machte, wie Mohamed mir erzählte, einen niedergeschlagenen Eindruck, als wir zwecks Turmbesteigung bei ihm aufkreuzten. Denn durch das momentane Touristen-Verbot verlor er nun mal einiges an Einnahmen. Und das schon eine ganze Weile wegen der Vorbereitungen zur Ausstellung und auch während der gesamten Dauer. Schließlich gelang es ihm immer wieder, einem oder auch mehreren Besuchern der Kirche die Turmbesteigung schmackhaft zu machen. Allein in der Zeit, die wir oben auf dem Turm verbrachten, mussten 2 Gruppen von jeweils ca. 10 bis 15 Leuten unverrichteter Dinge die Kirche wieder verlassen, weil er sie abzuweisen hatte, wie ich als Bevorzugter vom Turm aus sehen konnte. Und wenn davon nur 5 den Turm erklommen hätten, wären das mal eben 5 Extra-Scheinchen zu je 20 Dirham für Mustafa gewesen. Denn nur die Besichtigung des Kircheninneren ist an normalen Tagen „for free“. Und mit diesem Schwarzgeld besserte Großvater Mustafa sein von der Stadt bezahltes Gehalt von umgerechnet ca. 200 € auf, von denen er und seine Familie nur mehr schlecht als recht leben könne, wie Mohamed mir erzählte. Mindestens also auf Wochen eine kleine bis mittlere Katastrophe für diese Menschen. Und als ich Mustafa für die verbotene Besteigungserlaubnis im Anschluss besagte 20 Dirham in die Hand drückte, hatte ich den Eindruck, ich hätte ihn vor dem finanziellen Ruin gerettet, so freute er sich.


Es ist für mich eh manchmal kaum nachvollziehbar, über wie wenig Geld sich die Menschen hier schier ein Loch in den Bauch freuen können. Zuerst die Bettlerin in Marrakesch, dann die Frau hier im Hotel Mon Reve, die jeden Tag mein Zimmer putzte und das Bett machte. Und dann noch Mohamed, als er dann doch das Geld annahm. Dieser Frau hatte ich ganz zu Anfang meiner Mon Reve Zeit 20 Dirham (knapp 2 €) in die Hand gedrückt, weil sie auf mein Bitten sich um eine neue Glühbirne für die Dusche bemüht hatte, und weil ich, wenn ich etwas gebe, das möglichst schon am Anfang mache. Seitdem strahlte sie, wie ein junges Mädchen, wenn wir uns auf dem Flur trafen, erbat sich den Zimmerschlüssel, bevor ich meine Runden drehte und hat mir die Wäsche gewaschen, als ich sie radebrechend danach fragte. An der Rezeption hatte man mir gesagt, dass sich ein Block weiter eine Wäscherei befände, aber dann fiel mir ein, dass ich zuvor ja auch meine Zimmerfrau fragen könnte. Warum sollte sie sich nicht auch noch die paar Dirhams zusätzlich verdienen?

Aber wenn ich so richtig darüber nachdenke, als jemand, der es mit Zahlen nicht so sehr hat, dann entsprechen 2 € bei einem Monatsverdienst von 200 € soviel wie 10 € bei uns bei 1000 € Einkommen. Und das dürfte denjenigen sicher auch freuen, wenn er diese trotz aller staatlichen und sonstigen Beschneidungen immer mal wieder bar auf die Tatze als Zuverdienst pro Monat hat. Außerdem kann
man wohl solche Beträge im Ausland nur an der dortigen Kaufkraft bzw. dem Monatseinkommen messen und nicht an unseren.

Trotzdem ist es schon seltsam, dass ich hier andauernd feststelle, wie diese Menschen ~ trotz der einen oder anderen Unstimmigkeit ~ mich immer wieder in einer Form anrühren, die ich kaum nachvollziehen, geschweige denn erklären kann. Ich muss hier wohl in einer früheren Inkarnation mal gelebt und mich wahrscheinlich auch mindestens so wohlgefühlt haben wie jetzt.

Aber vielleicht liege ich ja mit meinen, für mich irgendwo doch kleinen „Almosen“ genauso falsch, wie die meisten Touristen, von denen in den Reiseführern zu lesen und auch ansonsten zu hören ist, dass sie die Preise und damit die Einheimischen durch zu hohe gute Gaben „versauen“. Bekomme ich es doch auch immer mal wieder zu spüren, dass jemand ein paar Dirham einzufordern versucht, nur weil er mir ein paar Sätze über irgendetwas erzählt hat, was ich längst zu mind. 98% wusste, und mich 38 Schritte begleitet hat, und ich das zugelassen habe. Um dann zu erleben, wenn ich dafür tatsächlich z.B. 10 Dirham rausgerückt habe, wie er ziemlich pampig mindestens das Doppelte fordert, weil er ja irgendwie leben muss, das Baby Milch braucht, die blöden Touris sich ja sooo schön anzapfen lassen, und dieser Blödhammel da, der rückt nix raus (das hat er natürlich nicht gesagt, aber wahrscheinlich in dieser oder in ähnlicher Weise gedacht). Und dann kriegte ich auch noch mit, nachdem ich ihn zum Teufel geschickt hatte, wie er zielsicher den nächsten Salon du Thé ansteuert, um die Milch fürs Baby gleich in einen Kaffee oder Tee umzusetzen und damit meine 10 DH wieder in Umlauf zu bringen. Marktwirtschaftlich vielleicht die bessere Entscheidung, denn der Liter Milch für's Baby ~ falls es überhaupt existierte ~ wäre für um die 2 DH zu haben gewesen, wie ich mal auf einem Schild in einem der kleinen Milchgeschäfte lesen konnte, in denen die Milch, ähnlich wie bei uns früher, noch aus großen Kannen in mitgebrachte Behälter oder auch in Plastiktüten geschöpft / gegossen wurde. Ähnlich der vergorenen Stutenmilch damals in Ulan Bartor, die mich zu Milch-Wasserbomben inspirierten.

Auf Grund solcher und ähnlicher Erlebnisse wusste ich schließlich kaum noch, was richtig ist oder falsch und weiß es immer noch nicht. Geben oder nix geben? Dem einen ja, beim anderen nein? Bei wem dann ja und bei wem dann nein? Jedenfalls habe ich hier meine diesbezügliche Sicherheit, die ich mir in Asien, solche „Sonderausgaben“ betreffend antrainiert hatte, so ziemlich wieder verloren und eiere da manches Mal ganz schön rum. Na ja, ich habe ja noch etwas Zeit zum Üben. Egal ob hier in Casa oder in den noch folgenden Städten.

Üben durfte ich aber auch noch etwas ganz anderes, nämlich den direkten Kontakt mit der Schwester eines Travelmates meiner damaligen Reise. Ihn, einen jungen, verdammt gut aussehenden und äußerst charmanten Marokkaner, der alle Frauenherzen im Bus im Sturm erobert hatte, hatte ich auf meinem Bus-Trip zum und durchs Mekong Delta kennen gelernt und wir hatten reichlich interessante Dinge auszutauschen. Z.B. fand ich es spannend, dass er in China lebt und dort eine eigene Firma, die Kunststoff Teile herstellt, aufgebaut hat und ihn interessierte es, was ich gemacht hatte und im Moment machte. Und natürlich hatte ich ihm erzählt, dass ich irgendwann mal auch sein Heimatland besuchen möchte.

Schon damals meinte er, dass ich, wenn ich nach Casablanca käme, dann unbedingt bei seiner Familie zu Gast sein müsse. Was er auch in seinen Mails wiederholte, als er wusste, dass es nun so weit sein sollte. E
r lud mich stellvertretend für seine Schwester ein, bei seiner Familie für 2 oder 3 Tage zu wohnen und mich von ihr sowohl mit marokkanischem Essen, als auch von ihrer Gastfreundschaft verwöhnen zu lassen. Ich sollte in seinem Zimmer mit eigenem Bad wohnen und mich ganz wie zuhause fühlen. Das klang doch fast zu schön, um wahr zu sein, bzw. zu werden.

Um mit seiner Schwester Kontakt aufnehmen zu können, hatte mir außer ihrem Namen auch ihre Telefonnummer gemailt, und ich habe sie tatsächlich angerufen. Allerdings kam erst einmal nichts dabei heraus und schon gar keine Einladung, denn er hatte sie leider, leider nicht vorgewarnt. Und somit war es am Handy ein ziemliches Herumgeeiere, wer ich denn nun eigentlich sei, und wieso und weshalb ich überhaupt anrufe und was ich denn wolle. Bei diesem Gespräch sah ich mich beim besten Willen nicht in der Lage, von seiner oder überhaupt einer Einladung zu sprechen. Es war eine sehr seltsame Situation, zumal ich sie am Handy nicht besonders gut verstehen konnte. Ein Problem, das ich aber immer habe, selbst mit deutschen Gesprächspartnern. Und ganz besonders dann, wenn das Gespräch dann auch noch in einer anderen Sprache stattfindet. Eine zusätzliche Erschwerung waren irgendwelche Störgeräusche, so dass ich trotz Nachfragens, immer mal wieder etwas akustisch nicht verstand oder raffte.


Was ich jedoch am Klang ihrer Stimme verstand
~ sie klang genauso genervt wie meine klingen würde, wenn mich irgend so ein Typ anrufen würde, mit dem ich nix anzufangen wüsste. Und das war, dass sie nicht sonderlich erbaut schien über meinen Anruf und auch, dass sie im Augenblick nicht die Zeit für ein Telefonat oder gar einen Tee oder Kaffee hatte, da sie noch dringendes zu erledigen hatte. Schade, denn wenn wir uns hätten treffen können, hätte ich alles erklären, ihr sogar den Ausdruck der Mail ihres Bruders zeigen können. Immerhin wollte sie sich schnellst möglich wieder melden, was mir sehr recht war, denn ich war froh, dass dieses Gespräch erst einmal beendet war. Zumal mir natürlich klar war, dass sie anschließend ihren Bruder auf den Pott setzen, und sich die erforderlichen Infos von ihm holen würde. Falls er wegen der Zeitverschiebung zu China überhaupt zu erreichen wäre. Was aber wohl der Fall war. Denn bereits 5 Minuten später kam tatsächlich ihr Rückruf, in dem sie erklärte, dass es ihr am „Thursday“ passen würde, was mich etwas verwunderte, denn am Tag meiner Kontaktaufnahme war es Montag. Na ja, sie scheint halt eine vielbeschäftigte Kollegin zu sein, dachte ich so bei mich bei, und würde sich am Donnerstag wieder melden.

Von ihrem Bruder hatte ich bereits im Mekong Delta erfahren, dass sie ebenfalls Innenarchitektin ist, in Mailand studiert hat, für Versace und ähnliche Firmen tätig ist und sich außerdem für Feng Shui interessiert. Was ja, neben der Tatsache, dass ihr Bruder und ich uns kannten, schon mal eine recht gute Gesprächsgrundlage hätte sein können. Insofern war ich gleich in mehrerer Hinsicht gespannt auf diese Schwester. Zumal er behauptet hatte, dass sie wie er sei.

Dummerweise passierte mir allerdings bei unserem Telefonat ein Fehler, der mir schon einige Male in der Vergangenheit das Leben schwer gemacht hatte. Ich verwechsele nämlich zu gerne die beiden englischen Wochentagsnamen „Tuesday“ und „Thursday“. Und da das Gespräch ja auf Englisch stattfand, hätte sie für Donnerstag das Wort Thursday benutzen müssen, während sie aber von Tuesday gesprochen hatte, was ich für mich nun wiederum als Donnerstag interpretiert, und damit ein weiteres Mal die beiden Tage durcheinander gewürfelt hatte. Damals auf meiner großen Reise hätte ich auf Grund des gleichen Fehlers ein paarmal fast die Weiterfahrt verbaselt und das jeweilige Ticket in den Sand gesetzt.

Hier war es erst einmal nur peinlich ~ obwohl es sicher alles Weitere beeinflusst haben dürfte ~ weil sie dann nämlich sinniger und richtiger Weise am „Tuesday“ anrief, und ich mein Handy, wie meistens, weder eingeschaltet, noch dabei hatte und außerdem mit Mohamed unterwegs war, denn bis Thursday war es ja noch etwas hin. Ich glaubte sogar, bei ihr eine Absicht dahinter zu sehen, weil ich u.U. am Donnerstag schon gar nicht mehr in Casablanca sein wollte und das auch kundgetan hatte. Was sollte sie sich auch mit irgendeinem Typen abgeben, den ihr Bruder vor ein paar Jahren mal getroffen hatte.

Auch ihre Mail, die dann paukenschlagmäßig Aufklärung brachte, und in der sie mich am gleichen Tag zum Abendessen bei ihrer Familie einlud, las ich erst am späten Nachmittag. Also zu einem Zeitpunkt, an dem es natürlich für die Vorbereitungen zu einem von Muttern zubereiteten marokkanischen Abendessen zu spät war, wie sie mir bei meinem Rückruf verklickerte. Manoman, war mir das peinlich, und was müssen sie und ihre Familie von diesem dösigen Ausländer für ein Bild bekommen haben. Aber immerhin zeigte die Mail, dass sie inzwischen Kontakt mit ihrem Bruder gehabt haben musste, da meine E-Mail Adresse nur von ihm stammen konnte.

Na ja, und somit haben wir uns dann als mageren Ersatz für den nächsten Tag für ein Treffen auf einen Drink entschieden. Sie wollte mich abholen, um dann zu Rick's Café zu fahren. Was dann, oh Wunder, endlich auch mal klappte. Jetzt hatte ich es nicht nur zuvor schon gefunden, sondern würde den Nobelschuppen auch betreten und war natürlich ziemlich gespannt, wer und was mich da am nächsten Morgen erwarten würde. Vor allem aber wollte ich mich im vis à vis für meine Schusseligkeit entschuldigen und mein Unvermögen erklären, am Handy immer alles richtig zu verstehen, vor allem, wenn dann auch noch eine andere Sprache im Spiel ist.

Fast stilecht trafen wir uns dann vorm Sheraton, wenn auch das Erkennungszeichen keine rote Rose, sondern ihr kleiner metallic roter Suzuki war. Ich stieg ein und los hätte es gehen können, in einen schönen Tag, den ich in Begleitung einer Marokkanerin ohne Kopftuch und sonstigen islamischen Accessoires verbrachte. Wenn da nicht einiges im Hintergrund (die Vorkommnisse) und auch vordergründig dagegen gearbeitet hätte.

W
ie soll ich unsere reale Begegnung, unser Treffen beschreiben? Es war eins mit einer typischen jungen Frau aus Casablanca, von denen es hier viele gibt, und wie ich sie genauso gut in Frankfurt, Hamburg oder sonst wo hätte treffen können. Vom ersten Moment an war klar, dass ich auf eines dieser gestylten Geschöpfe traf, mit dunkler Sonnenbrille, die auch vorerst nicht abgenommen wurde, und bei denen man nur noch vermuten kann, dass Marokko u.U. das Heimatland sein könnte. Bildhübsch allerdings und sicher auch hochgebildet und wahrscheinlich aus bestem Haus, und dennoch für mich absolut nichtssagend. Do you know what I mean?

Sie ist mit mir zu Rick's Café gefahren, einem wahren Nobelschuppen, in den sie so gut passte, dass ich froh war, mich auch in mein etwas besseres Outfit gestürzt zu haben und mir trotzdem neben ihr underdressed vorkam. Und so war ich auch froh darüber, dass wir das gastliche Café dann nach einem Drink wieder verließen, und sie mich heimkutschierte. Es gab einfach, trotz etlicher Gemeinsamkeiten nichts, was ein längeres Gespräch ermöglicht hätte. Etwas, was ich besonders unterwegs, in dieser Form noch nicht erlebt hatte. Insofern war sie eben nicht wie ihr Bruder, der mir damals weitaus mehr gelegen hatte, und der mit mir, wie ich mit ihm, sehr, sehr gerne mehr Zeit verbracht hätte. Auch so kann es also kommen, und ich haderte nicht länger mit mir und den Dingen, die eine tatsächliche Einladung verhindert hatte. Wobei ich mich natürlich auch jetzt noch frage, inwieweit die Pleiten und Pannen unserer Telefonate die Begründer der ganzen Misere waren und ob es ohne anders / besser gelaufen wäre. Ich denke, dass ich in einer passenden Stunde ihrem Bruder in einer Mail meine Variante der Ereignisse schildern werde. Irgendwie mag ich unsere damalige Begegnung so nicht zu Ende gehen lassen.

Casablanca war also etwas, was man vielleicht auch als geballte Ladung bezeichnen kann. Auch wenn es nicht zu einer Explosion gekommen ist, sondern nur als Metapher für die vielen unterschiedlichen Begebenheiten stehen mag. Denn Mohamed hatte ja noch ein wenig mehr im Trickkistchen. Zum einen brachte er den Stadtteil Habous ins Gespräch, den ich natürlich aus dem Reiseführer schon kannte, aber noch nicht näher in Augenschein genommen hatte, weil auch er etwas weiter von der Altstadt entfernt lag, in der ich mich nun mal eingenistet hatte. Und sinnigerweise wird dieser Stadtteil auch als die Neue Medina bezeichnet, ob wohl sie nur wenig jünger ist, als die Alte Medina.

Auch hier hatte ich angenommen, dass wir uns ein Taxi sinnvoll wäre, aber als Mohamed meinte, dass wir auch dorthin nur ca. 30 Minuten zu laufen hätten, war klar, dass wir das tun würden. Zumal er sicher den kürzesten Weg auch ohne Karte kannte. Es ging vorbei an all den typischen Läden, die sich halt meistens warentypisch an den einzelnen Straßen angesiedelt hatten. Läden in denen Metallwaren verkauft wurden, andere mit Kunststoffteilen, Elektrogroß- und Kleingeräten, Handys, und, und, und. Bis wir schließlich ~ nachdem wir noch einmal an etwas etwas königlichem vorbei gelaufen waren ~ ziemlich abrupt Habous erreichten. Was mich dann doch überraschte, denn dieser Ortsteil war in seinem Zentrum wohl zu so etwas wie einem Vorzeige-Stadtteil herausgestellt worden. Sauber und geleckt~ zumindest im Zentrum ~ könnte man fast sagen. Und dabei hatte das Ganze nichts von dem alten Charme der kleinen Gassen, Läden und Menschen verloren. Allerdings waren die zentralen Gassen auch deutlich breiter, so dass Autos fahren konnten. Kruschiger wurde es erst wieder im Markt Bereich. Auch die Nebengasse waren von Interesse, denn dort wurde nur gewohnt oder allenfalls in kleinen Büros gearbeitet. Dieser Bereich erinnerte an vergleichbare Ortsteile, z.B. in Hannover Döhren, in denen die kleinen Häuschen früherer Arbeiterviertel renoviert und zu begehrten Einfamilienhäusern umgestaltet wurden.

Auf dem Markt gab es neben den üblichen Gemüse-, Obst- und sonstigen Ständen auch Stände mit Kamelfleisch, an denen zwecks Kenntlichmachung gleich komplette Kamelköpfe aufgehängt waren, ähnlich wie bei den Ständen für Schaffleisch, wo sich auf den Tischen die abgeschnittenen Köpfe der Schafe zu Dutzenden stapelten und einen mit ihren immer noch dunklen Augen anzuschauen schienen. Ich hatte zwar schon Kamelfleisch gegessen ~ auch damals in Down Under ~ aber so recht keine Erinnerung mehr daran. Und so beschlossen wir, am Abend noch mal hierher zu kommen, von dem Kamelmetzger das entsprechende zu kaufen und es uns in einer der kleinen Marktküchen zubereiten zu lassen. Und auch zu dem Zeitpunkt wieder per pedes, wie zuvor schon der Rückweg. Über mangelnde Bewegung kann ich also nicht klagen. Allerdings haben wir dann den nächtlichen Rückweg nach unserer Kamelfleisch-Einlage dann doch mit dem Taxi bewältigt, obwohl dem vollen Magen die Bewegung sicher gut getan hätte. Und voll waren wir wirklich, bei dem großzügigen Einkauf an Kamel-Gehacktem, wie Kamel-Steakfleisch. Wenn es nach Mohamed gegangen wäre, hätten wir nur Gehacktes gekauft, weil es, wie er sagte, einfach besser schmecken und zu essen sein würde. Aber ich wollte partout ein Kamelsteak essen und hörte nicht auf ihn. Und dann hätte ich es, nachdem es auf dem Teller lag, und beides probiert hatte, am liebsten auch noch durch den Wolf drehen lassen, wenn das denn noch möglich gewesen wäre.

Ich hatte mir eh unter einem Steak ein saftiges und genauso dickes Stück Fleisch vorgestellt, wie wir es der Optik nach gekauft hatten. Aber was lag auf dem Teller? Ein dünn geklopfter fast durchsichtiger Lappen, der ~ wie ich in dem Moment bereits ahnte ~ dieses Format haben musste, weil man ihn sonst, wegen der vielen zurückgelegten Kilometer des Tieres, mit den Zähnen nicht hätte zerkleinern können. Und das Problem entfiel bei dem Gehackten nun mal. Außerdem war es besser gewürzt. Diese kleinen Küchen direkt am Markt, direkt an der Einkaufsquelle, in denen man seinen Einkauf zubereiten lassen kann, gefielen mir äußerst gut. Schade, dass es bei uns so etwas nicht gibt und sich auch beim allerbesten Willen nicht machen ließe, selbst wenn Bedarf dafür da wäre, weil alle Ämter, die sich in so einem Fall auch nur einen Millimeter dafür interessieren könnten, das Ganze wegen der vielen Vorschriften und Auflagen gleich wieder zum Scheitern bringen würden. Was sind wir doch im Grunde genommen ~ trotz unseres Reichtums und aller möglichen und unmöglichen Errungenschaften ~ auf dem Erlebnissektor (und nicht nur dort) für ein armseliges Land. ~ Ich mag nun mal die Schicki-Micki Tempel nicht besonders. ~ Das stelle ich immer wieder fest, wenn ich Deutschland und Europa mal für eine Weile den Rücken kehren kann. Und ich erinnere an dieser Stelle auch noch mal an den Nesscafé Ausschank, den Couscous-mit-Buttermilch-Verkäufer und die Orangensaft Verkaufsstände mit frisch gepresstem Orangensaft in Marrakesch und in jeder anderen Stadt. So ist z.B. diese Nesscafé-Ausschank-Atmosphäre kaum mit Starbucks & Co zu vergleichen, weil hier nicht das Sehen + Gesehen werden eine Rolle spielt, sondern das Gemeinschaftliche. Womit ich jetzt nicht meine, dass so etwas bei uns eine Chance haben sollte oder dass ich es gut fände, wenn es diese Dinge auch bei uns gäbe. Nein, ich meine damit das Prinzip der auf einfachste Weise realisierten Ich-AG, die hier wirklich für eine Gemeinschaftlichkeit sorgt, die man bei uns kaum noch kennt. Und vor allem nicht alle und jeden belastet, um dann mangels Irgendwas und nachdem die Gelder erfolglos verbraten wurden, wieder eingestellt zu werden. Na ja, hin und wieder findet man auch bei uns, das sei zur Ehrenrettung gesagt, den wandernden Hot Dog oder Bratwurst Verkäufer mit seinem gesamten Equipment im Bauchladen oder auf dem Rücken. Aber so richtig angenommen erscheinen mir diese Ausnahmen nicht und von Gemenschaftlichkeit habe ich dabei auch noch nie etwas gesehen.

Zu dieser Vereinfachung der Dinge gehörte auch das, was Mohamed mir über die petit taxis erzählte, als ich ihn danach fragte. Hat sich jemand mal dafür interessiert bei uns an einen Taxischein zu bekommen, als Student vielleicht oder weil er auf diese Weise ein paar zusätzliche Taler ins Portemonnaie spülen wollte? Dann weiß er, was das für ein Aufwand und ein Aufstand ist, und welche bürokratischen Hürden zu nehmen sind, bis einem so ein Schein gehört. Und gar mit einem eigenen Taxi zu fahren, ist noch einmal eins drauf.

In Marokko läuft das lt. Mohamed gaaanz anders. Man braucht nichts anderes zu tun, als dem König einen netten Brief zu schreiben und um die Erlaubnis zu bitten, ein Taxi fahren zu dürfen, und das möglichst gut zu begründen und dieses Bittschreiben im Idealfall dem König bei einer öffentlichen Veranstaltung selber in die Hand oder in die eines seiner Begleiter zu drücken. Dann bekommt er mit nahezu 100iger Sicherheit diese, als „kings gift = Königsgeschenk“ bezeichnete Erlaubnis, in relativ kurzer Zeit zurück. Und da spielt es keine Rolle, wie gut und ob der Fahrer seine Stadt kennt, er muss nur noch, falls er noch keinen eigenen Wagen hat, oder sich keinen leisten kann, einen dieser kleinen Wagen auftreiben und kann dann Leute in der Stadt für ein paar Dirham von A nach B kutschieren.

Mir war im gleichen Moment klar, warum und wieso ich hin und wieder mit einem Taxifahrer zu tun hatte, der erst mal 'ne sightseeing Rund hinlegte oder sich erkundigte, wo denn das Fahrziel nun überhaupt lag. Das mochte unter anderem auch daran liegen, dass derjenige, der so königlich beschenkt wurde, selber nun nicht einmal fahren muss. Wenn er also keine Lust dazu hat, stellt er sein Taxi irgendjemandem, der eins sucht, s.o., für den Preis X zu Verfügung und das war's dann. Auch das ist lt. Mohamed problemlos möglich. Wie einfach kann das Leben doch sein, wenn man es sich nicht unnötig schwermacht. Gelle?

Und einfach läuft hier einfach vieles ab, weil die Menschen selber die Verantwortung für sich und fast alles übernehmen, ja, übernehmen müssen, was sicher nicht immer einfach ist und in dieser Form für uns, auf diesem Gebiet völlig „versaute“ ~ nicht so krass ausgedrückt, von nahezu jeglicher Selbstverantwortung entwöhnte / entmündigte ~ Wohlstandsbürger kaum noch nachvollziehbar. So ist mir hier ~ um ein anderes, für mich interessantes Beispiel zu nennen ~ immer wieder aufgefallen, besonders später in Rabat, dass Eltern ihren Kindern beibringen, wie sie auch eine rote Fußgängerampel sicher überqueren, um nicht am Sankt Nimmerleinstag immer noch auf derselben Straßenseite zu stehen. Denn die Autofahrer halten oft eh nur selten, wenn Grün für die Fußgänger ist. Da kann ein Polizist in der Nähe sein, es juckt einfach niemanden. Insofern ist es egal, wann man geht, denn aufpassen muss man in jedem Fall und das stärkt die Aufmerksamkeit im Verkehr auch für alles andere ungemein. Ähnliches habe ich ja auch in Asien erlebt, nur dort nicht beobachtet, dass Eltern ihren Kindern zeigen, wie man eine gefährliche Situation im Straßenverkehr meistert, die durchaus auch unglimpflich verlaufen kann. Dass der ampelgeregelte Verkehr wirklich so läuft, wie wir es kennen, habe ich nur selten erlebt, allenfalls auf den großen Boulevards der großen Städte. Und selbst dort mogelt man sich bei Rot und Grün und außerhalb des Ampelbereichs gleichermaßen durch den fließenden Verkehr, und es funktioniert, hab's schließlich selber immer wieder ausprobiert. Es wird mir also nach meiner Rückkehr erneut nicht ganz leicht fallen, unseren Fußgänger Ampeln wieder den nötigen Respekt zu erweisen.

Und ausprobieren wollte ich auch ~ obwohl es ein anderes Thema ist ~ wie es auf der Ausstellung des deutschen Künstlers Günter Uecker zugeht, die vom deutschen Goethe Institut in Casablanca ausgerichtet wurde. Diese Ausstellung in dieser Kirche schaffte es also, mich noch einen Tag länger in der Stadt zu halten, denn diesem Mann mit seinen Nagelbildern und Objekten, wäre ich doch schon seit meinem Studium gerne mal begegnet. Das konnte ich mir irgendwie nicht entgehen lassen.

Um 18 Uhr 30 sollte es losgehen, und da ich an dem Tag reichlich zu tun gehabt hatte, ich war nämlich wieder fleißig durch die Gegend gelaufen und somit etwas erschossen und hatte mich daher kurz aufs Bett gelegt, um die runden Füße wieder in ihre Ursprungsform kommen zu lassen und knackte natürlich ein. Als ich wieder aufwachte, blieben mir noch 20 Minuten um mich etwas frisch zu machen und zur Sacré Couer zu laufen. Punkt halb war ich dann etwas angefeuchtet dort und traf zuerst auf Mustafa und dann auf Mohamed und die Menschen, die an dieser Vernissage teilnehmen wollten. Es gab leckere frische Säfte und kleine Häppchen, die von den Schülerinnen eines deutschen Entwicklungsprojekts für Frauen gebacken und hergestellt worden waren. Ein deutscher Bäckermeister leitete das Projekt, in dem die angehenden Bäckerinnen so weit gebracht werden, dass sie schließlich nicht nur alles mögliche backen, sondern auch selber ihren Nachwuchs ausbilden können.

Doch wer war nun Meister Uecker? Ich hatte ihn zwar schon auf Fotos gesehen, aber keinen blassen Schimmer mehr, wie er denn aussehen könnte. Und so versuchte ich es herauszufinden, in dem ich diesen und jenen fragte. U.a. denjenigen, der mir freundlicher Weise immer wieder mein Glas mit dem leckeren Erdbeersaft füllte und das mit wohlgewählten deutschen Sätzen begleitete. Er war richtig gut, was sein Deutsch und seine Säfte anging. Doch als ich ihn fragte, ob er auch Lehrer am Goethe Institut sei, lachte er und meinte, dass er nur der Fahrer und Mädchen für alle sei. Manoman, wie gut müssen dann erst die wirklichen Lehrer sein. Auf jeden Fall freute er sich mächtig über meine Einschätzung.

Schließlich geriet ich an jemanden, der mir auf meine Frage, ob er der Künstler sei, antwortete: Ich bin der Leiter des Instituts und lieferte mich ohne ein einziges weiteres Wort bei einem anderen Mann ab. Neben dem ich dann stand und nicht wusste, was das denn nun sollte. Denn dass das Günter Uecker sei, hatte er vermieden, mir auf die Nase zu binden. Und ich, ich erkannte ihn noch immer nicht. Chance erst mal vergeigt. Bis mir dann jemand anders den Kronleuchter anzündete, und ich nun erneut auf eine Gelegenheit wartete, vielleicht ein paar Takte mit ihm reden zu können. Und sie kam, diese Gelegenheit, bei der ich nur kurz erzählen konnte, dass ich seine Arbeiten seit meinem Studium kenne und schätze, und dass ich auf meiner Reise extra einen Tag länger in Casa geblieben wäre, um bei der Eröffnung dabei sein zu können. Wann hat man schließlich schon so eine Gelegenheit?

Er fand das wohl ganz interessant, einem deutschen Traveller in Casablanca zu begegnen und fing gerade an, Fragen zu stellen, als dieser Goethe Institut Leitungsmensch ihn rigoros entführte. Das Gesicht des Künstlers sprach ungefähr die gleichen Bände wie meines, aber dieser Typ war genau der Typ, den man als Leiter so einer deutschen Außenrepräsentanz vermuten würde. Oberlehrerhaft, mit dem entsprechenden Dünkel, der ihn wie ein Heiligenschein umgab. Das war mir schon vorher klar geworden, als er ohne den kleinsten Zettel in der Hand einen, wie es aussah und sich anhörte, perfekten Vortrag auf Französisch hielt, dem ich sogar recht gut folgen konnte. Hut ab. Leider nicht auf Arabisch, wie Mohamed bedauernd meinte, zumal die wahrscheinlich neuesten seiner Werke aus arabischen Schriftzeichen mit deutscher Übersetzung bestanden. Und so hätte eine arabische Ansprache sicher dem Ganzen einen noch besseren Rahmen gegeben, weil auch die meisten Gäste arabischsprachig waren und z.T. nicht besonders gut Französisch sprachen. Wie Mohamed erzählte. Denn wie immer, kannte er Hannes und Krannes.

Tja, und nachdem Mohamed dann zu seinem Fußball Training entfleucht war, machte ich mich bald darauf auch aus dem Staub und freute mich darüber, zum Abschluss und zur Krönung meiner Casa Zeit bei diesem Ereignis in der alten Kirche dabei gewesen zu sein. Schließlich sollte es am nächsten Morgen mit dem Zug in Richtung Rabat, der Hauptstadt Marokkos weiter gehen.

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