Essaouria ~ Teil 1
Etappe 4 ~ v. Do. 26.5. bis Fr. 03.6.2011
Nach Agadir war ich mit dem ältesten, sowie einem der großen Busunternehmen Marokkos CTM (Companie de Transport Marocain) gekommen, das in Verbindung mit Eurolines auch über die Grenzen des Landes nach Spanien, Frankreich, Italien, Belgien und sogar nach Deutschland fährt. Es gilt als das zuverlässigste Unternehmen lt. Lonely Planet. Nach Essaouria wollte ich Supr@tours, ein ähnlich großes Unternehmen ausprobieren, dass zur marokkanischen Bahn ONCF gehört und somit wohl staatlich sein dürfte. Und so etwas sieht dann ähnlich aus wie oft auch bei uns oder wie es zumindets mal ausgesehen hat. König Fahrgast wird nicht ganz so ernst genommen. Jedenfalls war das mein Eindruck.
Bei CTM schien alles super organisiert, die Busse in verschiedene Richtungen standen z.B. schon eine ganze Weile vor Abfahrt an ihrem Platz, so dass das Gepäck eingeladen werden, und man seinen Platz einnehmen konnte. Und es stand im Vornherein bei der Gepäckaufgabe fest, dass für das Gepäck 5 Dirham extra gelöhnt werden müssen. Was übrigens nur für die Ausländer gilt. Es wurde pünktlich abgefahren und damit auch angekommen, falls unvorhersehbare Dinge das nicht verhindern würden.
Bei Supr@tours lief das etwas anders. Man kann, wie bei CTM, genauso sein Ticket im Voraus kaufen und erfährt dabei, dass das Gepäck gratis transportiert wird und verbucht diesen Punkt auf der Positiv-Seite. Dass man ihn wieder streichen muss, erfährt man dann am Bus, wenn derjenige, der das Gepäck in den Stauraum befördert, dafür genau die gleichen 5 Dirham wie CTM verlangt, nur ohne Beleg. Und maule da mal einer für diesen Betrag vor allen Leuten herum, zumal dieser Extraverdienst ja wahrscheinlich auch nur zu den üblichen kleinen Nebengeschäften gehört.
Aber bevor ich diesen Punkt wieder von der Positiv-Liste streichen konnte, hieß erst einmal warten, denn es war kein Bus da. Bis er dann auf den letzten Drücker, wenige Minuten vor der eigentlichen Abfahrzeit, durch die Einfahrt aufs Gelände des Busbahnhofs rollte. Der Fahrer stieg aus ~ ähnlich korrekt gekleidet, wie beim Mitbewerber in einer Art Uniform ~ hielt hier sein Begrüßungsschwätzchen, sagte dort Hallo und ging dann noch zum Bus einer anderen Gesellschaft, um dort wichtige Dinge zu besprechen. Unser Bus war und blieb abgeschlossen, während es leise von oben tröpfelte und die Menge derjenigen, die sich für Supr@tours entschieden hatten, geduldig darauf wartete, dass sich per „Sesam öffne dich“ Tür und Gepäckklappe auftat.
Immerhin tauchte dann schon mal ein junger Mann auf, der die Gepäckklappe öffnen konnte und uns um besagte 5 Dirham für unser Gepäck erleichterte. Bei dem recht gut gefüllten Bus eine ganz nette Einnahme, wenn man bedenkt, dass das Monatseinkommen oft kaum mehr als 80 bin 100 Euro beträgt, obwohl es sogar so etwas wie einen staatlich festgelegten Mindestlohn von 160 oder 180 Euro gibt. Daran hält sich wohl nur niemand, denn da Arbeit rar ist, wird hier oft die Daumenschraube angesetzt, gelegentlich bis hin zu Arbeit ohne Bezahlung.
In der Zwischenzeit hatte sich auch unser Fahrer wieder eingefunden und den Zugang zu den Sitzen ermöglicht, womit das Gedränge begann. Und obwohl alle im Vorfeld gekauften Tickets eine Sitznummer aufwiesen, musste immer wieder jemand von diesen reservierten Plätzen weichen, weil er oder sie den Platz bereits eingenommen hatten, während der Rest noch mit dem Verstauen seines Gepäcks zu tun hatte.
Aber dann kamen wir mit gut 20 Minuten Verspätung auch endlich los. Ohne die Begrüßungseinlagen des Fahrers, wären es vielleicht 5 Minuten oder weniger gewesen. Was soll's. Und bevor ich in den Verdacht der Pingeligkeit o.ä. gerate, sei gesagt, wenn ich unterwegs bin, sind mir solche Dinge wurscht. Da beobachte ich sie nur, um ggffls. den einen oder anderen Schluss daraus zu ziehen, z.B. demnächst eher CTM zu nehmen oder mal eine lokale Gesellschaft auszuprobieren. Mir war's egal, ob wir nun mit Verspätung oder ohne losfuhren, das hatte ich doch oft genug üben dürfen. Außerdem hatte ich a) mein Zimmer im Riad Dar Afram vorbestellt und b) würde so oder so im Hellen ankommen, wenn wir unseren Dreistunden „bus ride“ hinter uns haben würden. Und dieser Ritt ging über mehr als 1 Stunde oder 1 Drittel der Strecke direkt auf der kurvigen Küstenstraße entlang in Richtung Essaouria, bevor wir der Küste wieder Adieu sagten. Sie zeigte die teilweise sehr schönen Strände, das Meer sowieso und im Gegenzug die Hügel und die um diese Zeit immer noch fast überall grüne und teilweise noch blühende Vegetation. Trotz der Regeneinlagen hat mir diese Fahrt gut gefallen ~ ich saß ja im trockenen Bus ~ zumal ich auf der richtigen, dem Meer zugewandten Seite meinen Platz hatte.
Gefallen haben mir auch die beiden Pärchen aus der Ukraine, die vor mir im Bus saßen. Ich glaubte, ihre Sprache als Russisch zu erkennen und sprach sie dann in einer Pause an. Und konnte wieder einmal staunen, über das, was es so alles gibt. Ich erfuhr nämlich zum einen, dass meine Vermutung mit dem Russisch stimmte, und zum anderen, dass die vier seit über einem Jahr als Groupiers im Casino von Agadir arbeiteten und nun mal ein paar Tage in Essaouria ausspannen wollten. Der Job sei leicht und brächte gutes Geld. Nun, ich wusste zwar, dass Groupiers gut verdienen, aber das man in diesem Job von der Ukraine aus auch im Casino in Agadir landen kann, hätte ich nicht gedacht. Und da Essaouria nicht sehr groß ist, liefen wir uns zu unser aller Gaudi immer mal wieder über den Weg und plauderten über die neuesten Gegebenheiten. Genauso, wie ich die Finnin von meiner Ourika Valley Tour ein paar Mal traf, und sie die 3 anderen von diesem Trip. Marokko ist schon ganz schön klein, oder? Fehlt nur noch, dass ich jemanden, den ich aus Deutschland kenne, hier irgendwo in Marokko treffe.
Auf dem Stadtplan im Lonely Planet hatte ich gesehen, dass der Bus dicht an der Stadtmauer an einem der alten Tore halten würde und dass mein Riad Dar Afram nur ein paar hundert Meter entfernt liegen und gut zu Fuß erreichbar sein müsste. Zumal, wie die Schlepper versicherten, eh kein Taxi in die Medina führe. Was auch stimmte. Dort gab es ~ anders als in Marrakesch ~ nur wenig motorisierten Verkehr und Fahrräder in den alten Gassen, wie ich dann bald feststellte. Aber Handkarren gab es hier auch. So dass es sich schon lohnte aufzupassen, um nicht den einen oder anderen unangenehmen Stoß ab zu bekommen.
Das vor mir liegende Tor „Bab Marrakech“ war zwar noch nicht das richtige, da ich von dort aus kreuz und quer durch die ganze Altstadt hätte laufen müssen, aber ein anderes, weiter links liegendes, das „Bab es-Sebaa“ musste es lt. Plan im LP ermöglichen, auf ziemlich direktem Weg zum Ziel zu gelangen. Erst einmal aber hatte ich auf meinem Weg entlang der Stadtmauer eine Baustelle nach der anderen zu umgehen, bzw. zu überqueren, denn hier wurde außen herum jede Menge erneuert. Aber als ich dann aber das richtige Tor erwischt hatte, führte es mich schon nach wenigen Schritten zur „Délégation du Tourisme“, wo ich mir gleich einen Stadtplan besorgte, um nicht immer ~ wie auch im Moment meines Ankommens ~ mit dem dicken LP durch die Gegend laufen zu müssen. Und ich ließ mir bestätigen, dass meine Annahme stimmte, nach der ich der Straße nur noch ein Stück geradeaus folgen müsse, um dann rechts abzubiegen und nach einer Weile dann links in die, auf beiden Karten ~ LP, wie Stadtplan ~ breit dargestellte Rue el-Attarine einzubiegen und der dann bis fast zum Ende zu folgen. Dort sollte ich dann noch nach rechts in eine kleine Gasse abbiegen und damit mein Ziel erreicht haben. Alles ganz easy.
Also stiefelte ich los, mit neugierigen Augen und meinem Trolley im Schlepptau. Eins rechts, wie der Plan es vorgab und dann verließen mich meine guten Geister auch schon nach einer Weile. Denn soweit ich auch lief, es gab keine breite Straße die links abging. Nur kleine und kleinste Gässchen, in denen ich erst einmal auch nicht nach Namensschildern suchte, weil ich ja lt. Karte, nach einer mindestens ähnlich breiten Straße Ausschau hielt, wie die beiden, auf denen ich mich bisher bewegt hatte.
Als ich dann iiiirgendwann einsehen musste, dass sich die sch... Kartenzeichner 'nen Jux geleistet hatten, griff ich auf den schon in Marrakesch erfolgreichen Trick zurück und fragte einen Shop Inhaber. Auf die Hilfe aller anderen Jungs, die mir mal eben wieder auf die Sprünge, bzw. den rechten Pfad helfen wollten, hatte ich wohlweislich verzichtet. Und nun wurde es wirklich einfach, obwohl es jetzt so richtig ins Gassengewirr ging. Er zeigte schräg gegenüber auf ein Gässchen, dem ich bis zum Ende folgen und dann links abbiegen sollte, um in dieser Gasse dann bis zu einem kleinen Platz zu laufen, auf dem ich dann rechts in die dortige Gasse einbiegen sollte. Und wie sich dann später herausstellte, war das lt. Karte die „breite“ Straße, in die ich gleich am Anfang nur links hätte abbiegen und ihr folgen sollen. Tja, und dann am Ende dieser Gasse, kurz vor der Stadtmauer, schickte mich das Hinweisschild „Dar al Afram“ noch zweimal nach rechts und stand dann tatsächlich vor seiner blauen Eingangstür. Und auf diese wunderbare Weise hatten sich meine Ortskenntnisse durch meine ungewollte Sightseeing Runde schon ganz schön entwickelt, zumal ~ wie sich bestätigen sollte ~ das Gassengewirr hier nicht so verwirrend aufgebaut ist, wie in Marrakesch.
Als sich die Tür öffnete und mich eine junge Frau hineinbat, mir mein Zimmer zeigte und mich herumführte, war ich schwer begeistert. Auf ihrer Website hatten sie wirklich nichts geschönt oder so. Ich war wohl in einem der bezauberndsten und farbenprächtigsten Riads, Hotels, Hostels, Guesthouses gelandet, in dem ich jemals eingechecked hatte. In so etwas müsste man sein Domizil aufschlagen dürfen. Ich konnte einfach nur staunend meiner Führerin folgen. Aber es hatte trotz des Preises von 200 Dirham nicht das, was ich gerne gehabt hätte. Vielleicht bin ich inzwischen zu anspruchsvoll, möglich.
So war das Zimmer ziemlich klein und dunkel, und es gab nur das Bad + WC übern Flur, es gab kein WIFI im Haus und schon gar nicht im Zimmer und es fehlten weitere Kleinigkeiten, die das Leben aus dem Trolley erleichtern. Und so machte ich mich dann trotz aller Farbenprächtigkeit und Bezauberung, sowie einer Deutschen aus Magdeburg, wieder auf die Suche, und fand verschieden Möglichkeiten, die kaum weniger ansprechend waren ~ teilweise auch günstiger ~ und somit bin ich am anderen Morgen ins Hotel Le Bastion in ein großzügiges Zimmer mit Bad + WC und eigener Terrasse umgezogen. Es wird von Maryem, einer Marokkanerin und ihrem deutschem Mann Titus + Tochter gemanagt. Die kleene Göre lag, während ich mich in Nähe der Rezeption im Internet tummelte, auf dem Nachbarsofa und zog sich einen Comic rein, der hier auf unserem deutschen KIKA zu sehen war. KIKA in Marokko, watt nich allet giff. So bin ich ungewollt mit einem Auge doch noch zum Fernsehen gekommen. Nur leider funktionierte es nicht mit dem „eigentlich“ zugesagten WIFI on room, die Hauptstation unten in der Rezeption ist wohl bei 57 marokkanischen Stufen (sie sind ähnlich wie die chinesischen, etwas höher und weniger tief als unsere) zu weit entfernt und bräuchte einen Verstärker o.ä. Aber was soll's, alles andere stimmte und so laufe ich halt die Stufen einige Male öfter runter und wieder rauf.
Von der Haupt-Dachterrasse, die noch weitere 15 Stufen seitlich über meinem Zimmer liegt und einer Art zwischen geschalteter, mit Lümmelwiese und Tisch mit Stühlen ausgestatteter Livingroom, den man sich mit den anderen Gästen bei Bedarf teilt, hat man einen schönen Ausblick über die Stadtmauer und ein paar andere Häuser hinweg aufs Meer, das sich hier an den Felsen bricht und seine Gischt bis zum Haus herüberweht, sowie den seitlich ablaufenden abendlichen Sonnenuntergang. Der riesig lange und breite Sandstrand ist von hier aus nicht zu sehen. Er liegt in Verlängerung des Fischerhafens und man sieht dort ~ wenn der Wind ausreicht, was er meistens tut ~ die Kite Surfer übers Wasser und durch die Luft flitzen. Das Wasser hatte putzigerweise eine ähnlich rote Farbe, wie die Bäche im Ourika Valley. Wer sagt eigentlich, dass das Rote Meer in Ägypten liegt? Der von den Wellen aufgewühlte Sand ~ auch wenn es so nicht erkennbar war ~ sorgte wohl in Küstennähe für diese Färbung, während das Wasser weiter draußen durchaus meerähnlich aussah.
Jaaa, und am Ankunftstag habe ich mich doch glatt zweimal, trotz immer wieder aufkommenden Regens, am Fischerhafen über den frischesten Fisch hergemacht, wie man ihn halt nur direkt am Meer bekommt. Mittags, gegrillte Sardinen und abends eine Art Barsch, ebenfalls gegrillt, jeweils mit Brot und dem typischen marokkanischem Salat, der grundsätzlich immer dazu gehört. Lecker, lecker. Als alter Fisch-Fan werde ich mich wohl hier meistens nur von Fisch ernähren, jedenfalls zu den Hauptmahlzeiten.
Und natürlich habe ich ~ am Ankunftstag trotz Regen ~ meine ersten Erkundungsgänge hinter mich gebracht. Und das in einer relativ gut überschaubaren Medina. Gleicht Marrakesch einer Art Hexenkessel, hat man hier manchmal fast den Eindruck, irgendwo am Mittelmeer o.ä. zu sein. Und hier wie dort lässt sich das Alter der Stadt nirgendwo leugnen. Aber alles ist irgendwie relaxter. Diese Stadt liegt mir in manchen Dingen sehr, weil das Angebot in vieler Hinsicht frischer, moderner ist, also weniger folkloristisch, worauf ich ja nun mal nicht so stehe. Viele der gemalten Bilder kommen völlig anders daher, haben ihre spezielle Ausdruckskraft, anders als die dahingehuschten, sich zu tausenden ewig wiederholenden Bilder an anderen Orten. Auch die meisten der vielen Restaurants sind so anders, so einladend gestaltet, dass ich glatt Lust bekommen könnte, jedes einzelne auszuprobieren. Und auch die Riads sind eine ganz andere (optische) Klasse. Die Türen stehen oft einladend offen, und was ich da sehen konnte, war einfach faszinierend. Und renoviert wird fleißig an jede Ecke weiter. Kaufen kann man so etwas renoviertes dann natürlich auch, wie sich bei den Maklern in den Fenstern zeigt. Von 120.000 Euro an aufwärts war alles möglich. Günstiger habe ich nichts gesehen.
Das Wetter ist hier natürlich sehr viel erträglicher, als zuvor in Agadir, wahrscheinlich wegen des Windes, der hier das ganze Jahr über meistens ziemlich heftig weht. Was mir aber ~ wie bei uns an der Nordsee ~ durchaus gefällt. An der hiesigen Wetterlage scheint es auch gelegen zu haben ~ wie schon am letzten Tag in Agadir ~ dass ich anfangs nur sehr schlecht ins Internet kam. Es war wegen der Wetterlage schon dort nicht mehr möglich, meine Mails abzurufen, weil die erste wegen einiger Bilder im Anhang zu groß war und das Netz immer wieder zusammenbrach, bevor sie runtergeladen war. Und dahinter stauten sich dann weitere 15 Mails, wie ich sah, als es hier dann endlich funktionierte. Brad, einer der beiden Australier von unserer Wüstentour, hatte mir ein paar seiner Sahara Fotos in original Größe geschickt. Zwar als Zip Datei, aber selbst die war noch zu groß.
Und nun fühle ich mich hier schon fast zuhause und bin wie immer gespannt, was auf mich wartet. Unter anderem die Begrüßung 6 ganz junger Kätzchen in einem Karton. Sie waren etwas länger als ein guter Zeigefinger und dürften gerade erst ihre Augen geöffnet habe. Mit Spielen war noch nichts drin, nur Mamas Präsenz und ihre Milch. Und wehe, eine andere Katze ~ sei sie noch so klein ~ traute sich, über den Rand des Kartons zu schielen. Dann wurde Mama zur Löwin. Wohingegen sie nichts gegen Menschen einzuwenden hatte. Da blieb sie ganz ruhig, wenn sich jemand ihrem Nachwuchs näherte. Aber am dritten Tag stand die Kinderstube dann allerdings nicht mehr dort, wahrscheinlich hatte man sich ihrer bei der sowieso viel zu großen Katzenzahl entledigt.
Oder auch mein Fress-Abend mit Hassan, dem Fischersmann, der ganz normal begann und dann erst um 1 Uhr nachts endete.