Essaouria ~ Teil 2
Möglich wurde dieser Fress-Abend mit Hassan, weil ich, wie an jeden Abend, wieder zu den Fischgrill-Ständen latschte und mir vorher noch einen frisch gepressten O-Saft reinzog. Denn der schmeckt hier nun mal göttlich und viiiiel besser als zuhause. Außerdem kriegt man ihn ja gepresst und zahlt dafür keine 50 Cent. Und dann kam ich auf die Idee ~ weil ich noch nicht soooo hungrig war ~ noch mal kurz in den Hafen zu laufen, der ja gleich umme Ecke liegt. Hier ist immer was los und es gibt immer was zu gucken. Und kaum war ich dort, wurde ich schon vom ersten Fischer angequatscht, der allerdings nur 'ne Fluppe schnorren wollte, die ich natürlich nicht hatte. Aber eine Weile und etliche Meter weiter kam der zweite auf mich zu. Der, als er merkte, dass er einen Deutschen vor sich hatte, gekonnt ins Deutsche umschwenkte, ähnlich Bubkar in Marrakesch, weil er zu D-Mark-Zeiten 8 Jahre an diversen Stellen in D gelebt hatte, was man seinem Sprachvermögen auch anmerken konnte. Die Marokkaner müssen eh Sprachtalente sein, wenn ich so mitkriege, in welchen Sprachen sie sich unterhalten können. Und das nicht nur mit ein paar Brocken.
Na ja, wir kamen so ins Plaudern und er zeigte und erzählte mir ganz viel über seine Arbeit, das Fischen und die Schiffe, die dort lagen und die, die im Bau waren. Hier werden noch in alter Tradition ziemlich große Pötte fast komplett aus Holz gebaut. Es machte richtig Laune, ihm zuzuhören. Wobei mir klar war, dass irgendwann die Gretchenfrage nach ein paar Dirham kommen würde, die ich auch bereit war zu geben, denn da kam wirklich was rüber, mit dem, was er erzählte. Diese Dirham-Frage kam aber erst sehr viel später, nämlich um 1 Uhr nachts, als das letzte Wort anstand.
Was haben wir nun die ganze Nacht gemacht? Nun, Hassan hat mir etwas gezeigt, was ich sinngemäß aus dem Lonely Planet zwar kannte, aber nicht wusste, wie ich es jemals finden, bzw. tun könnte. Nämlich sich seinen eigenen fangfrischen Fisch direkt am Hafen zu kaufen und damit dann zu einer restaurantähnlichen Einrichtung zu gehen, wo man sich darauf spezialisiert hat, keine eigenen Gerichte anzubieten, sondern nur für solche Fischeinkäufer ~ es können auch andere Fressalien sein, die mitgebracht werden ~ das Essen zuzubereiten und dafür einen Obolus zu kassieren.
Und genau das erwähnte Hassan, und ich, ich sprang natürlich sofort drauf an und lud ihn zum Essen ein. Und dann suchte er für uns zwei unterschiedliche Fische aus und fragte dann, ob ich nicht, Lust auf eine besondere Tajine mit den hiesigen Schrimps / Crevetten hätte, statt auf den zweiten Fisch. Und ich hatte.
Der Fisch (50 DH) wurde an Ort und Stelle ausgenommen und für 2 DH geputzt. Damit sind wir dann ins absolut tiefste einheimische Essaouria eingetaucht ~ ich sah die ganze Zeit niemanden, der einem Europäer glich ~ und er hat an den dortigen Fisch- und sonstigen benachbarten Ständen noch alles andere besorgt, was zum Brutzeln benötigt wurde, und ich habe gelöhnt. Schrimps weitere 50 DH + 5 DH fürs Pulen. Gewürze, Kräuter, ein wenig Olivenöl im Plastikbeutel, etwas Gemüse, Knobi, Fladenbrot, gerade frisch gebacken aus einer kleinen urigen Bäckerei, die nur aus dem uralten rußigen Backofen bestand, Minze für unseren Tee und ab ging's zu Chez Raschid, dem Lokal, das irgendwo versteckt, von außen für mich nicht als solches erkennbar, in Nähe dieses Fisch Souks lag. Ich hätte beim besten Willen nicht gewusst, wie ich das ohne Hassan alles geregelt bekommen hätte. Zumal hier mit Englisch absolut nichts mehr ging.
Dabei klang die Beschreibung im LP so simpel, dass jedes Döfchen es hätte machen können. Kaufen, hingehen, brutzeln lassen. Nur wo? In einem der normalen Restaurants? Eher nicht. Und die beschriebenen Brutzelstände, sah ich auch nirgends. Die fand ich erst später, als ich wusste, wie es lief und wie so etwas aussieht. Somit war bereits zuvor und erst recht nach diesem Abend klar, dass man erst einmal ein gehöriges Geschick und auch Sprach- und Zutatenkenntnisse braucht, um das alleine nachvollziehen zu können.
In dem Lokal gab es dann einen Mann, auch ein Hassan, der all das zubereitete, was die Gäste anschleppten. Langsam und schonend, auf traditionelle Weise. Kurzum, es dauerte Stunden, bis es endlich so weit war. Zumal er wohl auch immer mal einen anderen vor zog. Und ich hatte meine Uhr vergessen, so dass ich völlig out of time war, da hier niemand eine Uhr hatte. Wir haben zwischendurch sogar noch 'ne Runde ummen Block gedreht, weil ich den anderen sonst ihr Essen gemopst hätte. Man muss also reichlich Zeit mitbringen und darf nicht ausgehungert sein. Mein Hassan bereitete uns derweil einen Tee, der sich durchaus mit dem bisher besten Tee im Haus der Berberfrau messen konnte. Aber er ist ja auch ein Berber Spross, wie er mir sagte. Wie ging das Sprichwort aus der Sahara noch gleich, das ich in dem Büchlein „Kulturschock Marokko“ entdeckte? «Das erste Glas Tee ist süß wie die Liebe, das zweite hart wie das Leben und das dritte bitter wie der Tod.»
Tja, und kam Bewegung in das Ganze und die Dinge endlich auf den Tisch, der gegrillte Fisch + Tajine + Fladenbrot. Köstlich, kann ich nur sagen, besonders die Tajine. Aber es war soviel, dass ich nach 'ner Weile das Handtuch warf, während Hassan noch weiter mampfte. Fürs Zubereiten waren dann noch mal 60 DH fällig und somit hatte der Futterabend dann ca. 180 DH verschlungen. Und jeder DH war es wert.
Als wir dann raus und auf die Straße mit den ganzen Shops kamen ~ wir waren die letzten, die den gastlichen Ort verließen ~ war dort alles bereits geschlossen, und ich ahnte, dass es sehr viel später sein müsste, als angenommen. Wir befanden uns ~ wie ich mit etwas plümerantem Gefühl feststellte ~ am Rande der Drogen-, Junkie- und Alkoholecke, und die Jungs, wie da so rumgurkten, gefielen mir teilweise nicht so besonders. Hassan musste wohl auch gedacht haben, dass er mich wohl besser noch ein Stück begleiten solle, obwohl wir es anders besprochen hatten. Jedenfalls kam er bis fast bis zum Riad mit, ohne dass ich gefragt hatte.
Und nun, ganz zum Schluss kam dann noch die Gretchenfrage, ob ich nicht etwas für ihn tun könne. Und da ich es ja geahnt hatte ~ anders als damals in Indonesien in einer ähnlichen Situation, in der es mich umgehauen hatte, als anschließend noch 'ne Geldforderung kam ~ habe ich ihn ein bisschen auflaufen lassen und gefragt, was er sich denn, und wie viel er sich denn vorstelle. Das aber wollte er nicht präzisieren, sondern mir überlassen. Und so habe ich ihm zusätzlich zum Essen noch 20 DH gegeben und mich gefragt, ob ich nicht 50 rausrücken sollte. Allerdings hätte ich die nicht gehabt, sondern nur noch einen Hunni, und das war mir dann in dem Moment doch zu viel. Und wechseln hätte er sicher nicht können, wo es sich doch schon immer mal wieder als schwierig erwies, wenn ich mit einem 20er bezahlte und etwas rauszubekommen hatte.
Hinterher hatte ich Geizkragen ein schlechtes Gewissen. Okay, er hatte gut gegessen und sich wahrscheinlich wie ich auch, dabei gut unterhalten. Aber er hatte mir auch seinen ganzen Abend gewidmet und ihn seiner Familie vorenthalten. Ich kam mir ganz schön mies vor, weil ich zu sehr auf das gehört hatte, was im Reiseführer usw. gesagt wird, dass man so etwas nicht überhonorieren solle. Was aber wären ca. 5 oder 10 Euro schon für mich gewesen? Für ihn als Fischer sicher 'ne Menge. Tja, und dann war ich noch so aufgedreht, dass ich in meinem Wohlfühl-Zimmer kaum schlafen konnte. Und so habe ich erst mal die Fenster weit aufgerissen und die kühle Meeresnachtluft reingelassen, bis es dann doch mit dem Schlafen klappte.
Am nächsten und übernächsten Abend bin ich dann wieder durch den Fischerhafen gelaufen, um Hassan zu finden und Versäumtes nachzuholen. Ohne Erfolg.
Es ist eh seltsam, welch soziale Ader mich hier immer wieder anrührt. Erst mein Hutzelweibchen in Marrakesch, dem ich ja ganz zum Schluss an meinem letzten Tag noch einmal begegnete und erneut 20 DH in die Hand drückte, dem jungen Mann, dem ich ein gefülltes Fladenbrot spendierte, dann der eine oder andere Bettler hier, wo ich nicht anders konnte, als etwas rauszurücken. Irgendwas ist anders hier, auch wenn es manchmal ganz schön nervig ist, an jeder Ecke, bei jedem dritten Schritt, eine Hand entgegengestreckt zu bekommen, die von dem „reichen“ Touristen, der für alles Mögliche sein Geld ausgibt ~ hier für ein Eis, für einen Kaffee oder Tee, dort für ein kleineres oder größeres Souvenir ~ ein paar Dirham haben möchte. Für mich ist es hier weniger einfach, nein zu sagen, als damals in Asien. Keine Ahnung wieso.
Und so, wie ich hier weniger gut den Bitten der Bettler ausweichen konnte, schaffte ich es auch zum ersten Mal nicht, Abdullah, einem der jungen Verkäufer in einem Schmuck Geschäft einen Korb zu geben. Hatte ich doch immer noch das Berber Z vor Augen, nachdem ich bereits in Marrakesch gefahndet hatte. Aber auch hier wurde ich nicht fündig, wohl aber bei einem Ring für meinen Daumen, der ja bereits seit Darwin unberingt sein Dasein fristete, weil ich meinen indonesischen Ring damals verloren hatte. Und hier entdeckte ich nun einen, der mich ansprach, was dann in einem Feilschgespräch gipfelte, bei dem ich allerhöchstwahrscheinlich und schlicht und ergreifend den Kürzeren zog. Wie sollte es auch anders sein, wenn ein ungeübter aus D auf einen höchsttrainierten aus MA trifft. Aber sei's drum, ich hatte mir überlegt, was er mir wert sein würde und dafür habe ich ihn bekommen, incl. weiter machen lassen, da er ja ursprünglich nicht für den Daumen gedacht war.
Es musste wohl ein ganz interessanter Ring sein, weil ich immer wieder von anderen Shop Inhabern darauf angesprochen wurde, die unisono von sich gaben, dass das ziselierte Motiv aus der Sahara stamme und eine gute Arbeit sei. Was somit entweder Abdullahs Aussagen bestätigte oder weil sie einen Kollegen nicht in die Pfanne hauen wollten. Vielleicht ja auch beides. Allerdings musste ich ihn aber noch einmal enger machen lassen, weil er mir abends, als es kühler wurde, beinahe vom Daumen gerutscht wäre. Kaum erstanden und schon wieder verloren. Das hätte mir gefehlt. Er hat sogar den Silbertest bestanden, den ein Silberschmied in einem anderen interessanten Silber Shop vorgenommen hat. Irgendwie kam ich mir bei ihm vor wie in einer alten Alchemisten Küche, als er da mit seinen Tinkturen hantierte, war aber auch gespannt auf das, was sich zeigen würde. Denn einen Stempel hatte das Teil natürlich nicht.
Parallel zu all dem bereitete ich mich auch schon wieder auf meine Weiterreise nach Humphrey Bogart Town, Casablanca vor. Es galt den Busbahnhof zu finden, und wie ich am besten dorthin gelange, und abzuchecken, mit welcher Busgesellschaft ich fahren wollte und natürlich meine erste Unterkunft im teuren Casablanca zu finden und zu buchen. Natürlich wieder ohne Buchungsmaschine.
Außerdem plagte mich die ganze Zeit über ein wenig ein Durchfall, etwas, was ich eigentlich nicht kenne. Aber hier hatte es mich zum ersten Mal bereits im Marrakesch erwischt, wenn auch in einer leichten Form, die nicht weiter beeinträchtigte und mit ein paar Kohletabletten zu regeln war. Und so war es auch hier, nur dass es nach einem Tag Pause erneut wieder losging. Bis mir etwas auffiel, das aber noch seine Bestätigung brauchte.
Das erste Mal, dass ich spürte, dass da erneut etwas im Busch war, war nach einem Frühstück, zu dem es Amlou gegeben hatte. Deswegen war ich sogar extra dorthin marschiert. Das ist Arganöl gemischt mit gemahlenen Mandeln und Honig, was fantastisch schmecken und angeblich eine aphrodisische Wirkung haben soll. Nun denn, zum zweiten kann ich nichts sagen, da ich nichts dergleichen verspürt habe. Aber was den Geschmack angeht, sehr wohl. Ich konnte daran nichts fantastisches entdecken, denn mich erinnerte es im Geschmack an Erdnussbutter, die ich außer als Würze in einem asiatischen Gericht kaum durch den Hals kriege. Es stand aber auch noch ein kleines Schälchen mit Arganöl auf dem Tablett, in das man ein Stück Fladenbrot einstippt und dann isst. Und es schmeckt sogar recht angenehm, was ich wiederum nicht vermutet hätte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass in Öl gestipptes Brot mir überhaupt schmecken könnte. Ich hätte vermutet, dass der Geschmack eher bei Lebertran & Co angesiedelt sein dürfte.
Der Knackpunkt aber war ~ auch wenn er mir zu dem Zeitpunkt immer noch nicht auffiel ~ dass es ca. eine Stunde später losging. Zuerst mit einem Kloßgefühl im Bauch, dem dann wenig später der Durchfall folgte. Also her mit den Kohletabletten und gut war's. Ein, zwei Tage später sinngemäß das Gleiche. Ich hatte etwas gegessen, das mit Arganöl zubereitet worden war ~ was auch seinerzeit in Marrakesch der Fall gewesen war ~ und wenig später tauchte erneut das Kloßgefühl + Durchfall auf. Und als das dann ein drittes und viertes Mal passierte, war ich mir ziemlich sicher, dass ich irgendetwas an diesem Öl nicht vertrage und versuchen sollte, es zu vermeiden. Zumal mir der vierte unfreiwillige Versuch eine etwas schlaflose Nacht bescherte, in der ich dann ~ weil die Kohletabletten nicht mehr den gewünschten Effekt brachten, zu einem stärkeren Mittel aus meiner Reiseapotheke griff, um meine geplante, immerhin 6-stündige Busfahrt nach Casablanca ohne Probleme antreten und überstehen zu können. Da futtre ich nun Couscous und Buttermilch aus Topf und Kanne einer Fahrrad-Mini-Garküche auf dem Place de Foucauld in Marrakesch und mache auch sonst vor keiner interessanten Essensvariante am Straßenrand halt, und dann haut mich anscheinend das hochgelobte Arganöl immer wieder im wahrsten Sinne des Wortes aus der Hose. Ich werde das wohl noch mal in Casablanca testen müssen, um herauszufinden, ob es nun wirklich das Öl ist. Was ich dann allerdings doch nicht getan habe, weil ich alles andere als scharf darauf war, dieses Grummeln in Bauch und Darm erneut zu verspüren.
Ob ich dort wohl Rick's Café finde? Aber das „echte“ aus dem Film, soll sich ja eh in Tanger befinden, bzw. sollen dort die allseits bekannten Szenen gedreht worden sein, wie ich mal gelesen habe. Vielleicht ist der ganze Film ja in Hollywood gedreht worden. Keine Ahnung, was nun stimmt.