Meknès + Moulay Idriss/Volubilis ~ Teil 2
Unter dieser Arkade, jederzeit im Schatten, und das sogar neben meinem Hotel, hatte ich quasi so etwas wie mein Stammlokal in Meknès gefunden, und ich konnte meiner Kartoffelsucht frönen, die sich inzwischen gemeldet hatte. Wobei ich manchmal den Kartoffelsalat mit einer Portion „Salade Maroccain“ kombinierte, denn der gehörte nach wie vor zu meinen absoluten Favoriten aus der Küche dieses Landes. Später habe ich dieses Gericht dann noch noch durch „Viande Hachez“ (kleine oder auch größere Gehacktes Bällchen) oder „Foie“ (gebratene Leber) ergänzt, was auch jedes Mal einen enormen Erklärungsbedarf mit Worten und Skizzen erforderte, denn beides bekommt man landauf landab nun mal nur mit Fritten. Den Reaktionen nach ~ die überall gleich waren ~ gilt alles andere anscheinend zumindest als leichte Perversion der Garküchen-Esskultur. Aber Perversion hin und her, saß ich dann mal wieder eines Abends in meinem Stammlokal und verspeiste meinen großen Teller Kartoffelsalat. Wobei auch ein großer Teller absolut unüblich ist, denn alles wird nur auf Tellern im Dessertteller- oder Untertassenformat serviert. Auf den große Esstellern werden die Fressalien nur zur Schau gestellt, niemand isst davon. Auch um so einen großen Teller musste ich mich jedes Mal und überall in Marokko erneut bemühen.
Und wie ich das so sitze, taucht das vermeintlich bekannte Gesicht einer Frau auf, die mich fragt, ob die anderen Plätze an meinem Tisch noch frei seien. Hihi, ich habe bisher selten mehr als einen Stuhl für mich besessen, rutschte mir so raus, denn diese Frau hatte ich irgendwo schon mal gesehen, kannte sie also. Und wie ich dann erfuhr, wohnte sie mit ihrem Mann, der kurz darauf auch auftauchte, ebenfalls im Maroc Hotel. Beides ebenfalls Traveller und „retired“, wie ich, aber vom anderen Ende der Welt, nämlich Down Under, genauer gesagt aus Perth. Sie hatten sich schon einen Teil Europas gegönnt ~ u.a. auch Deutschland ~ und waren nun, sozusagen als Krönung ihrer Reise, in gleicher Weise wie ich in Marokko unterwegs, nur etwas schneller, da ihre Zeit ablief. Sie hatten eine Schaf Farm gehabt und diese irgendwann verkauft, als ein Kälte- und Wettersturz in einer Nacht über 1400 Schafe aus ihrem Bestand tötete, und sie dem Sterben der Tiere machtlos zusehen mussten. Und seit dem Verkauf ihrer Farm betrachteten sie sich als Rentner und gondelten immer mal wieder durch die Weltgeschichte. Ein sehr sympathisches Paar, mit dem ich einen wunderbaren Abend unter den Arkaden in Meknès verbrachte. Zumal dann auch noch ein weiteres Pärchen hinzukam, dass die beiden in Essaouria kennen gelernt und hier wieder getroffen hatten. Eine Brasilianerin, verheiratet mit einem Schotten. Auch sie Langzeittraveller und eine besondere Spezies von Mensch. Er hatte ein kleines Akkordeon ~ aber kein Bandenion ~ dabei, auf dem er überall unterwegs zu seiner und zur Freude der Menschen spielte. Sie sprach mehrere Sprachen, konnte sich so fast überall verständigen und hatte auch sonst noch ein paar Dinge in petto, eine interessante Frau halt und pfeffrig, wie unsereins sich 'ne Brasilianerin vorstellt. Kurzum, es war einer dieser Abende, wie ich sie mag, auch wenn es keinen Wein und keinen Käse zum Weißbrot gab.
Allerdings hätte er zumindest für mich auch anders ausgehen können, wenn mein Schutzengel ~ wie damals in Ulan Bartor bei der Geschichte mit dem offenen Gullyschacht ~ nicht wieder ganze Arbeit geleistet hätte.
Ich saß direkt neben einer der dicken Stützsäulen der Arkade mit dem Rücken zur Straße. Und wir hörten schon eine Weile, dass hinter mir, quer über die Straße, ein lautstarkes Gespräch geführt wurde, an dem mindestens 3 Teilnehmer beteiligt waren. Und wie fast immer, hörte sich das Ganze nach einem Streit an, der allerdings bisher noch jedes Mal friedlich endete. Hier war es jedoch anders, wie wir, oder besser ich, ganz plötzlich fast hautnah erfahren sollte, ohne den Vorgang jedoch beobachtet zu haben. Denn etwas krachte ca. 10 cm neben meinem Kopf an besagte Säule und zerbrach in mehrere Stücke, die in ihrer ursprünglichen Form mindestens faustgroß gewesen sein dürften. Ein ziemlicher Brocken also, der von der anderen Straßenseite in Richtung Lokal geworfen worden war und wahrscheinlich die Glasvitrine treffen sollte und „nur“ die Säule traf. Er hätte locker dafür gesorgt ~ wenn er statt der Säule, meinen Kopf getroffen hätte ~ dass anschließend wahrscheinlich eine Fahrt mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus fällig gewesen wäre. Puuuhhh + DANKE, konnte ich da wieder einmal nur noch sagen, bzw. denken. Und interessanterweise war im gleichen Moment auch Ruhe im Karton. Immerhin schauten und fragten ein paar Leute nach, ob auch wirklich alles okay sei. Und da ich ja mit Dingen, die hätten passieren können, aber nicht passiert sind, wenig am Hut habe, konnten wir schnell wieder zu unserer Tagesordnung übergehen. Nur schade, dass die ganze Truppe am anderen Tag bereits ihre jeweils eigenen Wege weiter zog. Denn von solchen Begegnungen mit anderen Travellern gab es außer in Marrakesch bisher nicht viele.
Dafür aber gab es ~ quasi als Ausgleich ~ immer wieder fast magische Momente, in denen ich einfach nur fasziniert durch die Gegend lief und nicht recht wusste, wohin meine Augen oder ich mich im nächsten Moment wenden sollten. Wie auch an einem meiner ersten Abende in Meknès, als ich wieder einmal einfach nur meiner Nase folgte und eine ziemlich steile Straße hinauf stieg, ohne zu wissen, wo sie mich hinführen würde. Ich ging durch eines der Stadtmauertore, hinter dem sich kurz danach die Straße gabelte. Links oder rechts, war nun die Frage. Wobei beides mir gleichermaßen interessant erschien, die linke Straße sah aber noch etwas steiler aus, so dass ich die rechte nahm mit dem Gedanken, die andere, wenn möglich, beim Herunterkommen zu nehmen. Alles lag in einem Licht, dass irgendwie anders war, als an anderen Abenden. Vielleicht war Vollmond oder es lag an der Beleuchtung der kleinen Geschäfte und der Straßenlaternen, ich weiß es nicht. Jedenfalls ließ das Licht alles, einschließlich der Menschen, irgendwie unwirklich erscheinen. Ähnlich wie Meeresleuchten.
Und dann öffnete sich oben plötzlich die Straße zu einem Platz, den ich auch wieder durch ein Tor betreten musste und auf dem vieles gleichzeitig passierte, bzw. zu sehen war. Marktstände, kleine Essensbuden, eine völlig anders aussehende alte Moschee, die umgebaut / renoviert wurde, irgendeine Anlaufstelle oder Station, in der sich nur Frauen befanden, bei denen ich fast den Eindruck hatte, dass sie dort um Hilfe baten, und die üblichen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. Und niemand ~ besser fast niemand ~ schien mich wahrzunehmen. Als hätte ich 'ne Tarnkappe auf. Und auch dieser Platz, mit allem was ihn ausmachte, leuchtet geheimnisvoll in diesem Licht. Und zwar nur dieser Platz. Wenn ich ihn verließ und eine der kleinen Gassen betrat, die von ihm abgingen, war plötzlich aller Zauber verschwunden und es war nur eine Gasse, die mich nicht weiter anzog. Unter einem riesigen Gummibaum, dessen Stamm, wie viele Bäume in Marokko, weiß getüncht war ~ so, wie man es auch bei uns früher an Obstbäumen machte, um sie vor Ungeziefer zu schützen ~ sah ich einen kleinen Laden, an dem sich die Leute praktisch die Klinke in die Hand drückten, obwohl es keine Klinke gab, sondern nur ein Brett, dass als Theke diente.
Beim Näherkommen konnte ich erkennen, dass hier Milch verkauft wurde, und zwar lose, nicht abgepackt und pasteurisiert, aus einer großen Kanne mit dem Schöpflöffel. Die Leute ließen sie sich in mitgebrachte Gefäße füllen oder in Plastiktüten. Oder sie kauften ein Glas Milch und tranken es an Ort und Stelle. Und aller Warnungen zum Trotz, mit denen man uns bei uns das Trinken frischer Kuhmilch im Laufe langer Jahre madig gemacht hat ~ und erst recht natürlich vor dem Trinken frischer, ungekochter Milch in Ländern jenseits Europas warnt ~ konnte ich nicht anders, als mir so ein Glas zu gönnen. Frische warme Kuhmilch. Wobei ich nicht beurteilen konnte, ob noch warm von der Kuh oder vom Wetter. Wie lange war es her, dass ich so eine Milch nicht mehr getrunken hatte? Zuletzt von Amtswegen unerlaubt in einem der kleinen Dörfchen, in denen ich in den späten 80ern gewohnt hatte, bei einer Kötterin, mit ihren 2 Kühen. Nur mit dem Unterschied, dass ich da sogar noch gesehen hatte, wie sie den Eimer unter der Kuh hervorzog und die Milch durch ein Sieb in eine Kanne goss, um mir dann daraus meine Milch abzufüllen. Ist sich unsere Obrigkeit eigentlich bewusst, was sie den heutigen Kindern mit ihren Gesetzen + Bestimmungen alles vorenthält und das nicht nur auf dem Kuhmilchsektor? Und die Eltern machen das und alles andere brav mit, weil auch sie es schon nicht mehr anders kennen gelernt haben.
Na ja, ich schweife ab und will mich nicht schon wieder darüber auslassen, was mir an unserem System nicht gefällt. Immerhin habe ich es meinen beiden damals ermöglicht, und sie haben es zusammen mit dem Milchbart genauso genossen, wie ich es als Kind genossen habe.
Nach meiner kleinen Milchorgie machte ich mich dann langsam auf den Rückweg und beschloss, auch noch einmal am Tag hierher zu kommen, um zu erfahren, wie es mir hier an diesem Ort dann ergehen würde. Da ich die ganze Zeit bergauf gelaufen war, musste dieser Platz über dem eigentlichen Meknès liegen und dann wollte ich einen Aussichtspunkt finden, an dem mir Meknès zu Füßen liegen würde.
Um es vorweg zu nehmen, ich bin tatsächlich noch einmal am Tage hier gewesen und fand ~ wie hätte es auch anders sein können ~ einen völlig entzauberten Platz vor. Und egal, welcher kleinen Gasse ich auch folgte, ich fand weder so etwas wie einen Aussichtspunkt, noch eine Gasse, die an einer anderen Stelle in die Medina führte. Ich landete immer wieder in Sackgassen und musste umkehren. Es schien sogar so, als wenn es nur diese Straße gab, die ich herauf gegangen war. Denn bei meinem letzten vergeblichen Versuch stieß ich auf eine Gruppe spielender Kinder, die sich plötzlich von ihrem Spiel lösten und auf mich einredeten. In diese Gasse schien sich wohl nicht allzu oft ein Fremdling zu verlaufen. Und oh Wunder, eines der etwas älteren Mädchen brachte etliche Worte Englisch heraus und signalisierte mir, dass ich ihr zu ihrer Mutter folgen solle, weil die besser Englisch spräche. Und so folgte ich der Truppe tiefer in die kleine Gasse hinein, bis die Kurze vor einer Tür stehen blieb und etwas ins Haus hinein rief. Was wiederum eine nicht mehr ganz junge, aber recht hübsche Kopftuchfrau mit einem Lächeln ans oder ins Licht der Gasse brachte, die tatsächlich ein brauchbares Englisch sprach. Es war zwar nicht die Mutter, sondern nur die Tante, und ich erfuhr, dass ich auch in dieser Gasse keine Chance hätte, obwohl es so aussah, als wenn sie gleich um die nächste Ecke weiter führen würde. Aber der Schein trog, denn als ich um diese Ecke bog, stand ich erneut vor einer Haustür und alles freute sich über mein verdutztes Gesicht. Ich erfuhr aber auch, dass sie und ihre Schwester einen englischen Ehemann haben und dass ihre Sprachkenntnisse und die ihrer Nichte halt daher stammen. Und sie forderte nach einer Weile ihre Nichte + Freundin auf, mich so weit zu begleiten, dass ich den Weg zurückfinden würde.
Was ich natürlich annehmen musste, obwohl ich mich ja nicht wirklich verlaufen hatte und nur den Weg zurückzugehen brauchte, den ich gekommen war. Als ich den beiden Mädchen dann als kleines Dankeschön ein paar Süßigkeiten kaufen wollte, lehnten sie das ab, obwohl angeblich kein marokkanisches Kind bei so etwas Nein sagen kann, wie ich ja schon ein paar Mal erlebt hatte. Ob hier, bedingt durch den englischen Vater unsere westliche Erziehungsmethode „nimm von keinem Fremden etwas Süßes an“ wohl ihre Wirkung tat? Keine Ahnung, ich konnte es nur vermuten und verdutzt zur Kenntnis nehmen und der steilen Straße wieder bis ganz hinunter folgen, bis zu meinem Ausgangspunkt, einem etwas erhöht liegenden und eingezäunten Platz, der mit ein paar dicken und hohen Bäumen schattenspendend bestückt war. Unter ihnen standen die Stühle und Tische eines Cafés, ein idealer Platz, um seinen Kaffee oder Tee hier zu schlürfen und dabei auf die in die Neustadt führende Straße zu schauen. Und dabei hatte ich die glorreiche Idee, die Bedienung doch mal zu fragen, ob ich hier auf diesem entzückenden Platz etwa auch mein „petit déjeuner“ bekommen könnte. Und da meine Frage bejaht wurde, saß ich am anderen Morgen erneut unter diesen dicken Bäumen und mümmelte mein leidiges Frühstück.
Leidig deshalb, weil ich immer noch keine Möglichkeit gefunden hatte, wenigstens so hin und wieder mal so zu frühstücken, wie ich es in Casablanca getan hatte. Denn wie schon erwähnt, konnte ich dem hiesigen Frühstück mit in Öl getunkten Fladen und anderen Leckereien ~ die für mich keine waren ~ nicht all zu viel abgewinnen. Zumal ein „echter“ Marokkaner eh nur 'ne Tasse Kaffee oder seinen Tee schlürft, aber ansonsten so früh noch nichts isst. Und mit früh ist 10 Uhr oder später gemeint. Und diese anderen Leckereien bestehen dann aus Scheibletten, Schmierkäse in Dreiecksform und ähnlichem, was auf meiner Beliebtheitsskala nicht besonders oben steht. Es hat eine Ewigkeit gedauert, bis ich aus meinem Frühstücksdilemma einen für mich brauchbaren Ausweg gefunden habe. So richtig gelungen ist mir das erst in Tanger. Denn dort fand ich in den kleinen Läden einiges von dem vor, was zwar eigentlich für ganz andere Zusammenstellungen gedacht war, aber von mir kurzerhand für meine Art Frühstück umfunktioniert wurde. In diesen Läden gab es nämlich den „fromage orange“, eine Art Edamer oder den „fromage rouge“, so geheißen wegen seiner roten Rinde. Und es gab „jambon“ eine Art Kochschinken und eine etwas rötlich aussehende Wurst, die ohne die Farbe an Jagdwurst und Co. erinnerte, aber würziger schmeckte, weil mit Chilli versehen.
All diese mehr oder weniger guten Sachen wurden kleingeschnippelt und dann als Mix oder mit irgendwelchen Soßen in Fladenbrote, Baguettes Pfannkuchen usw. gefüllt. Ich habe sie jedoch nie als Solo-Belag auf einem Baguette oder Fladenbrot gesehen ~ außer bei mir. Wobei ich es jedoch mit keiner meiner Methoden oder Worte geschafft habe, irgendjemandem klar zu machen, dass ich jeweils eine Hälfte des Brotes mit Käse und die andere mit Wurst belegt haben wollte. Wenn ich es bekam, waren Wurst und Käse gemeinsam auf einem Doppelwopper gelandet und das Ganze war in aller Regel geviertelt. Obwohl es vorher oui, oui oder si, si oder was auch immer geheißen hatte. Mein Wunsch muss einfach zu abartig gewesen sein, als dass man ihn erfüllen mochte. Nichtsdestotrotz frühstückte ich dann an meinen letzten Tagen in so einem Laden genau neben meinem Hotel, denn dort braute man sogar einen guten Kaffee und presste einen vorzüglichen O-Saft. Mir wurde sogar ein gut schmeckender marokkanischer Ziegen- oder Schafweichkäse angeboten, so dass ich plötzlich eine unerwartete Auswahl hatte. Und das alles für den Spottreis von um die 16 Dirham (ca.1,40 €) komplett für alles, statt zwischen 25 und 40 DH zu bezahlen und doch nicht das Passende bekommen zu haben. Okay, dafür saß ich auch nicht in irgendeinem kleinen Restaurant oder sonstigem Lokal, aber es gefiel mir, und ich wünschte mir, auf diese Idee schon früher gekommen zu sein, denn diese kleinen Küchen gab es ja überall, nur hatte ich vorher nie ihr wirkliches Potenzial erkannt.
Wie dem auch sei, ich habe alle meine marokkanischen Morgen ~ wo immer ich auch aufwachte ~ mit irgendeinem, wie immer gearteten Frühstück gut beginnen können, denn dazu bin ich zu wenig auf dem Mäkel-Trip und kann mich mit den Gegebenheiten recht gut abfinden. Ich konnte schließlich sogar Schoko-Croissants und Kaffee ohne Milch klaglos durch den Hals bringen. Wenn ich da so an den einen oder anderen im Freundeskreis denke, würden die unter solchen Umständen verhungern, wie sie selber sagen.
Aber besser, als mich mit irgendeinem Frühstück abzufinden, gefällt mir natürlich, wenn es aus dem Rahmen fällt. Wie ich es ja an einigen Stellen durchaus erlebt habe. So auch in Moulay Idriss, einem der heiligsten Orte in Marokko, in dem bis vor einigen Jahren kein Ungläubiger übernachten durfte. Auch wenn er nicht ~ oder gerade weil er (noch) nicht ~ dem allgemeinen Tourismus in die gierigen Hände gefallen ist, wollte ich dort hin und quasi als Nebenschauplatz auch das in der Nähe liegende und deutlich touristischere Volubils ~ eine alte römische Ansiedlung in Ruinenform ~ mitnehmen.
Ich wollte so frühzeitig von Meknès aus mit dem „grande taxi“ losfahren, um einen Tag und eine Nacht in Moulay Idriss verbringen zu können und so die im Lonely Planet empfohlene Besonderheit des Ortes zu erspüren und am frühen Abend zu den Ruinen raus zu fahren. Auf diese Weise gedachte ich den Busladungen zu entgehen, ebenfalls eine LP Empfehlung. Obwohl das recht gut klappte, war ich dennoch zu früh dort, weil in der einen Stunde, die ich mit dem Taxifahrer ausgehandelt hatte, leider der Sonnenuntergang noch nicht einsetzte, der die Ruinen halt in ein ganz besonderes Licht tauchen sollte. Aber immerhin hatte ich Volubilis und die auch hier nistenden Störche fast für mich allein.
Als Unterkunft hatte ich mir das Maison D'hote El Kasaba ausgesucht, das vom LP u.a. wegen seiner guten Küche gelobt wurde, in die Gäste zwanglos mit eingebunden werden, wenn sie der Einladung der Kopftuch-Dame des Hauses folgen. Und dieses Haus, mitsamt seiner Bewohner, zähle ich zu den Perlen, weil alles stimmte, das Essen, die Unterkunft und die Menschen. Sowohl das Frühstück, als auch die abendliche Tajine waren ein Gedicht, obwohl ich bei der Tajine wegen meiner öligen Erfahrungen erst einmal abzuwinken versucht hatte. Ich war dann froh, dass die Frau des Hauses sich durchgesetzt, bzw. ich nachgegeben hatte.
Auch beim Erspüren des Ortes folgte ich dem LP, nämlich mich erst einmal und einfach nur in eines der Cafés am Hauptplatz des Ortes zu setzen und alles was dort passierte, auf mich wirken zu lassen, bevor ich mich in irgendwelche Aktivitäten stürzte. Das war eine so gute Idee, dass ich sie für alle weiteren Orte übernommen habe. Eine bessere Einstimmung auf einen neuen Ort habe ich für mich nicht finden können.
Moulay Idriss zu beschreiben, fällt mir nicht leicht, weil es nicht nur ein kleiner quirliger Ort war, sondern weil hier mehr mitspielte, auf mich einwirkte, als vielleicht für viele Menschen spürbar ist. Obwohl ich glaube, dass alle dieses Gespür haben, es aber nur nicht wahrhaben wollen, weil man es ihnen aberzogen hat. Bei aller Geschäftigkeit, die nun mal zu jedem marokkanischen Ort gehört, war für mich hier eine friedvolle und angenehme Energie zu spüren, wie ich sie ansonsten nur an wenigen Orten zu spüren vermochte. Und auch wenn ich das zuvor nicht gewusst hatte, aber genau deswegen war ich hergekommen. Daran änderte auch nichts, dass es auch hier diejenigen gab, die mir dieses oder jenes andienen wollten ~ eine Stadtführung, eine Begleitung nach Volubilis + Führung, oder was es auch immer war. Aber wie zuvor, ließ ich mich auf diese Spielchen nicht mehr ein, bzw. suchte mir denjenigen, von dem ich mir bei irgendetwas helfen lassen wollte, selber aus. Z.B. einen kleinen Fußballer, der ~ wie könnte es auch anders sein ~ sämtliche deutschen Fußballer kannte und sich irgendwie an meine Seite gesellt hatte, um mich zu den interessantesten Aussichtspunkten der hügeligen Stadt zu bringen. Genauso, wie ich mir auch den bereits erwähnten Taxifahrer selber aussuchte, der mich in die Ruinenstadt fahren sollte.
Obwohl Volubilis wohl für die meisten der eigentliche Grund sein dürfte, hier her zu kommen, war es für mich eher zweitrangig, da ich ja nicht so sehr auf altertümliche Dinge stehe. Aber das, was hier aus der Geschichte übrig geblieben war, hatte schon was, denn auch die alten Römer kannten sicher noch so einiges von dem, was man in Feng Shui und Geomantie Kreisen auch den „locus genius“ nennt, was vereinfacht ausdrückt „Bauen am richtigen Ort“, mit den richtigen Energien, die dieser Ort nun mal anbietet. Auch hier war überall für mich spürbar, dass dieses Areal etwas Besonderes hatte. Vor allem, weil ich fast alleine dort war und nichts durch Busladungen von Touristen überlagert wurde.
Das ganze Gebiet ~ vielleicht sogar der ganze Mittlere Atlas ~ hatte etwas Besonderes. Was ja evtl. nur am Liebreiz der Landschaft lag und an den immer noch blühenden Blumen und Bäumen. Obwohl die Hitze des Sommers ja mit jedem Tag stärker wurde. Aber ich konnte mich jedes Mal kaum satt sehen, wenn ich mit dem grande taxi durch die Gegend fuhr und hätte was drum gegeben, wenn ich stattdessen mit dem eigenen Auto den Straßen und Wegen hätte folgen können. Wie gerne hätte ich mir die heimische Flora aus der Nähe angesehen, die gelb blühenden, Königskerzen ähnlichen Pflanzen oder die ebenfalls gelb blühenden Bäume, die ich für Arganbäume hielt, obwohl es auch gelb blühende Akazienbäume gab. Oder die Agaven mit ihren hohen Blütenständen, bei denen ich zum ersten Mal sah, dass auch ihre Blüten gelb sind. Gelb blühende Pflanzen scheinen im Marokko dieser Jahreszeit zu überwiegen, auch wenn es die relativ großen lila blühenden Distelgewächse gab, deren Köpfe auch auf den Märkten zu kaufen waren und wohl wie Artischocken gegessen werden.
Aber so, wie mich die gewundene Straße am Samstagmorgen nach Moulay Idriss geführt hatte, brachte sie mich am Sonntagmorgen auch wieder nach Meknès zurück. Wollte ich doch möglichst früh einen der stündlich abfahrenden Züge erwischen, die ja laut Auskunft auch an Sonntagen nach Fès fahren sollten. Und die Zeit sah gut aus, auch wenn ich alles mehr oder weniger im Schnelldurchgang erledigen musste, nachdem ich wieder in Meknès angekommen war. Restliche Klamotten einpacken, Tschüss sagen, ein petit taxi zum Bahnhof erwischen, Fahrkarte kaufen und dann feststellen, dass das mit der stündlichen Abfahrt am Sonntag eine Ente war. Und so durfte ich noch über eine Stunde auf meinen Zug warten. Soon Shiet aber auch, wofür die ganze Eile? Na ja, immerhin reichte die Zeit, um aus dem erhöhten Temperaturbereich wieder herauszukommen, in den mein Körper zwangsläufig gewechselt hatte. Will heißen, dass das auf dem Rücken ~ bedingt durch mein Daypack ~ klatschnasse Hemd wieder trocknen konnte. Bis zu nächsten Mal, denn es reichten immer nur wenige Schritte in der Hitze unter Belastung, um zumindest ein ähnliches Resultat zu erzielen. Aber erst einmal saß ich dann endlich und wohlgetrocknet auf meinem reservierten Platz in Richtung der schon seit eh und je als hochwissenschaftlich orientierten Stadt Fès mit der ersten Universität der Welt.