Rabat
Etappe 6 ~ v. Fr. 10.6. bis Mi. 15.06.2011
«Rabat Centre Ville» das war die ONCF Bahnstation, an der ich meinen gut gefüllten Zug verlassen musste, nur wenig später, nachdem Laila, meine Begleiterin auf der Zugfahrt mit einem „Bon Voyage“ schon in «Rabat Agdal» ausgestiegen war. Hört sich das nicht super an, „Laila, meine Begleiterin“. Dabei hatte sie sich „nur“ auf den freien Platz neben mich gesetzt, und wir hatten uns nach einer Weile in einem Gemisch aus Französisch und Englisch zu unterhalten versucht. Und oh Wunder, selbst von ihren reinen Französisch Phasen, habe ich eine ganze Menge verstehen können. Es ist wohl was dran, an dem, dass es besser mit dem Sprechen und Verstehen klappt, wenn ich keine andere Möglichkeit habe. Und die sollte ich ~ jedenfalls war das mein Eindruck ~ in Rabat, Marokkos Hauptstadt, noch häufiger bekommen, als zuvor schon in Casablanca. Denn mit wem ich es auch an meinem ersten Tag zu tun bekam ~ und später auch ~ kaum jemand wollte / konnte sich auf Englisch mit mir verständigen. Ob es die Bedienungen im Café oder Restaurant war, oder die Rezeptionisten, ohne mein rudimentäres bisschen Französisch wäre es nicht gegangen. Aber ein paarmal hätte ich mir schon die Haare ausraufen können, weil sich immer wieder die englischen Vokabeln in meinen Gehirnwindungen als Sieger erwiesen, und ich herumstotterte, als wäre ich weder in der einen, noch der anderen Sprache in der Lage, zumindest das Nötigste zu sagen.
Aber sei's drum. Das Wetter war herrlich und im Schatten prima auszuhalten. Die Nähe des Atlantiks mit seinen Brisen sorgte dafür. Und die alte Stadtmauer der Medina leuchtete mir auf dem modernen, erst vor wenigen Jahren umgebauten Bahnhof in der strahlenden Sonne gleich beim Aussteigen in ihrer rötlich-gelben Farbe einen ersten Gruß entgegen. Ein zentraler Bahnhof mit einer alten Stadtmauer als Kulisse im Hintergrund, das gibt es wahrscheinlich nur in Marokkos Hauptstadt, auch wenn sie sich dann erst einmal, als ich den Bahnhof verließ, wieder aus meinem Gesichtskreis verabschiedete und einem gepflegten Stadt- und Straßenbild Platz machte, das von hohen Palmen gesäumt wurde. Hier scheint ~ im Gegensatz zu Casablanca ~ Familie Saubermann in der Innenstadt höchst persönlich immer mal wieder Hand anzulegen. Und das galt etwas abgeschwächt auch in der nahen Medina. Das ist wohl der Hauptstadt Bonus, auch wenn mir Meister Proppers Glanz nicht sofort, sondern eigentlich erst 'ne ganze Ecke später bewusst geworden ist.
Zuerst musste ich ja auch mein Hotel Central finden, dass sich laut Karte in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs befinden sollte und tatsächlich leicht zu finden war. Dort hatte ich mir per „portable“, wie das Handy hier heißt, ein „chambre simple avec douche“ reservieren lassen, auch schon auf Französisch, weil besagter Rezeptionist ja nicht auf Englisch mit mir reden wollte. Das Central war meine zweite Wahl, da das Hotel Splendide schon bei meinem Anruf 2 Tage vor meiner Ankunft kein Zimmer mehr frei hatte, und auch nicht, als ich nach meinem Einchecken im Central dann mal ~ nur zwei Straßen weiter ~ dorthin spazierte. Als ich mich dort umschaute, war klar, wieso ich hier kein Zimmer bekommen hatte. Denn es war, jedenfalls so weit ich das sehen konnte, wieder eine dieser Perlen, die es zu finden und zu bekommen gilt. Vielleicht sei ja „à demain“ etwas frei, ich solle doch morgen gegen 12 noch mal vorbeischauen. Aber wollte ich mich noch dort einquartieren, nachdem ich erfahren hatte, dass dort das Zimmer mit Bad fast einen 10er (in Euro) mehr kosten sollte? Na ja, hingehen wollte ich noch einmal, vielleicht ist ja wieder nichts frei und dann würde ich es auch dabei belassen und weiterhin Central wohnen. Es gehörte zwar nicht in die Perlen-Kategorie, war aber so weit okay. Und in beiden Fällen war dieses Mal die LP Empfehlung bis auf den Preis korrekt. Aber das ist nun mal normal, dass die Preisschraube in dem Zeitraum, der nun mal zwischen Recherche und Druck liegt, angezogen hat. Wer kennt das nicht? Beim Splendide kam hinzu, dass die Bewertung genauso mächtig untertrieben, wie sie zuvor bei den Schmuddel-Löchern übertrieben war.
Ich bin übrigens nicht noch mal dort gewesen, schließlich hatte ich ja bereits in einigen schönen Hotels wohnen dürfen, und so blieb es beim angejahrten Central in direkter Nachbarschaft des großen Hotels Balima mit seiner riesigen und angesagten Terrasse, auf der sich teilweise sogar unter Bäumen bis in den späten Abend herrlich sitzen ließ, um einen Kaffee, Tee oder sonst was zu schlürfen. Mich trennte nur die kleine Seitenstraße Rue Al Basra des breiten Bvd Mohammed V von dieser Terrasse. Ein paar Schritte, und ich konnte Platz nehmen, falls einer frei war.
Im Central hatte ich ein großes helles Zimmer, in das immerhin die Dusche und das Waschbecken integriert waren, und ein WC gab es jeweils am Gangende. Und es hatte sogar einen richtigen Rolladen vor dem Fenster, der auch nach der langen Zeit, die seit des Art Decos vergangen war, noch funktionierte. Sogar mit Kurbelstange, statt mit Rolladengurt. So etwas gab es also damals auch schon. Außerdem war es sauber und lag recht zentral. Ganz wie der Name es ausdrückte. Nur wenige Meter bis zum Bahnhof und etwas mehr auf dem großen Boulevard bis zur Medina. Ein Spaziergang vorbei an einer gefährlichen Eisdiele, die so ziemlich das leckerste Eis hatte, was mir bis jetzt in Marokko ins Hörnchen gekommen war. Eine anständige dicke Kugel für 7, 2 für 13 DH. Leckeren Kuchen und ebensolchen Kaffee hatten sie zudem auch.
Diese breite Prachtstraße, die sich, wie schon gesagt, bis zur Medina runter- und ganz durch sie, bis zum anderen Ende hindurchzieht ~ wenn auch jenseits des Stadttores nicht mehr breit und schon gar nicht prachtstraßengemäß ~ war im oberen Teil sogar durch einen Grüngürtel mit Palmen, Sitzbänken und Rasenflächen versehen, auf denen eine, an meinem Ankunftstag noch 30-tägige Sitzdemo der Veteranen irgendeines Krieges stattfand, wobei die Tageszahl jeden Tag auf einem Schild auf die noch verbleibenden Tage geändert wurde. Obwohl alles absolut friedlich blieb, wurde das Ganzen dennoch am Rande sorgfältig von der Polizei überwacht. Der dazu erforderliche Ü-Wagen stand ebenfalls in meiner kleinen Straße. Allerdings konnte ich nicht feststellen, ob die Veteranen auch dort übernachteten oder nur ein Teil oder gar niemand. Aber sie verrichteten dort alles, was so zu verrichten gab. Essen, Trinken, Teekochen auf kleinen Kochern, Besuch ihrer Frauen und Kinder, einschließlich ihrer Gebete, die dann nach Osten ausgerichtet, auf der Rasenfläche über den Tag verteilt in Reih und Glied abgehalten wurden. Ein Bild, das mich jedes Mal aufs Neue erstaunte, ja, irgendwie auch irritierte. Wie auch dann, wenn ich mal Gelegenheit hatte und durch die weit geöffneten Türen gerade zur Gebetsstunde in eine Moschee hineinschauen konnte und dort zig Hintern in Reih und Glied nach oben gestreckt sah, wie die Enten beim Gründeln. Verflixt, ich will mich, weiß Gott oder auch Allah, nicht lustig machen über den Islam, aber warum kann ich mit diesen Dingen ~ wie früher schon als junger Mensch mit den katholischen Riten ~ nur sooo wenig anfangen und kaum nachvollziehen, dass man sich dem auch noch freiwillig unterwirft? Na ja, das ist wohl ein anderes Thema und gehört hier nicht hin.
Aber wie immer, drehte ich erst mal meine ersten Runden um mein neues Domizil auf Zeit, um ein Gefühl für die nähere Umgebung zu bekommen. Und dann ging's auch schon ab in die Medina, die sich unterschiedlich erschließen ließ. Nämlich durch das Stadttor, das die Medina vom großzügigeren Teil des Boulevards trennte oder durch weiter seitlich in der Stadtmauer angeordnete Tore. Wobei ich allerdings jetzt dem Bvd Mohammed bis zum Ende durch das entgegen gesetzte Stadttor folgte und dort durch einen interessanten Straßenverlauf weiter gelockt wurde. Die Straße machte an dieser Stelle einen weiten Bogen und stieg dabei zu einer sogen. Eselsbrücke an. Das bedeutet, wie der ein oder andere sicher weiß, dass sie am höchsten Punkt gleich wieder abfällt und man nicht sehen kann, wie der Straßenverlauf aussieht. Außerdem wurde sie links und rechts von hohen weißen Mauern begrenzt, die auch erst einmal nicht ahnen ließen, was sich dahinter verbarg. Alte, riesige Friedhöfe, wie ich dann durch kleine Tore sehen konnte. Und das alles lag im gleißenden Sonnenschein, der durch die weißen Wände noch verstärkt wurde. Dieser Straße musste trotz Hitze bis zur Kuppe folgen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es dahinter weiterging. Und wurde durch den Anblick des Meeres incl. eines alten Leuchtturms belohnt, was aber beides noch ein Stück weit entfernt war. Da mich Wasser aber magisch anzieht, musste ich auch da hinunter und eine Weile daran entlang laufen. Auch wenn es leider, wegen der Felsen, nicht direkt am Wasser möglich war. Immerhin ging hier verstärkt die besagte frische Brise, die nach der Hitze zwischen den weißen Mauern natürlich äußerst angenehm war.
Von hier aus hatte ich auch einen guten Gesamtblick auf den wirklich riesigen Friedhof ~ den größten, den ich je gesehen habe ~ der sich komplett über den ganzen weiten Hang erstreckte. Das waren nicht nur Hunderte von Gräbern, das mussten Tausende sein. Und wenn man mal bedenkt, wie ewig lange er schon besteht und wie viele Schichten von Gräbern sich hier übereinander befinden dürften, dann wird die Zahl sich wahrscheinlich in Millionenhöhe bewegen. Und der Friedhof ist, trotz direkter Nachbarschaft zur Stadt, noch in Würden, denn irgendwo in der Ferne des Geländes fand just eine Beerdigung statt. Aber das Geschehen fand soweit von mir entfernt statt, dass selbst die knapp 600er Teleeinstellung meiner Kamera kein brauchbares Bild ergab. Das noch mal zur Größe und Weite dieses Friedhofs.
Auf meinem Rückweg schlüpfte ich dann durch eines der Tore, um mal ein wenig Friedhofsfeeling eines islamischen Friedhofs zu erspüren. Aber irgendwie funktionierte das nicht in gleicher Weise, wie es bisher auf anderen alten Friedhöfen möglich war. Ob es an der Hitze lag oder am islamischen Friedhof? Oder daran, dass es ein klitzekleines Häuschen mit Kuppel und Satteliten Schüssel gab und in dem wahrscheinlich der Totengräber wohnte, der mich u.U. jeden Moment als Ungläubigen hinaus zitieren könnte. Denn andere islamische Friedhöfe hatte ich zuvor nicht betreten dürfen. Vielleicht war es ein bisschen von allem, ich weiß es nicht. Und es musste jemand im Haus sein, denn die Tür stand offen, und ein kleiner Hund lag mucksmäuschenstill davor und schaute nur zu, als ich vorbei ging. Vom Straßenlärm war kaum noch etwas zu hören, nur die schattenlose Hitze war hier zwischen all den Gräbern noch stärker zu spüren, als auf der Straße. Und so sah ich zu, dass ich diesem stillen und etwas kruschigem Ort nach einer Ehrenrunde wieder Tschüss sagte und ans Ende meines bisherigen Medina Spaziergangs zurück kehrte.
Aber ich folgte erst einmal dem Straßenverlauf außerhalb der Medina und landete so vor dem riesigen Tor der alten Kasbah des Oudaias und erkannte dort, dass ich, wenn ich der Straße am Meer gefolgt wäre, ebenfalls hier gelandet wäre. Aber das ist genau das, was ich an meinen Erkundungsgängen so mag, die Zusammenhänge der Straßen in einer Stadt erkennen. Von hier aus sah ich aber nicht nur die Strandstraße und das Meer, sondern auch den blockigen Hassan Turm und einen Teil des Flusses Oued Bou Regreg ~ wobei Fluss doppelt gemoppelt ist, da Oued Fluss bedeutet ~ der Rabat von Saalé, der Rivalen Stadt am gegenüberliegenden Ufer trennt. Diese Kasbah hat sich ~ wie man mir erzählte ~ im Laufe der letzten Jahre zu einem angesagten Wohngebiet entwickelt, mit entsprechendem Höhenflug der Preise, was mir doch sehr bekannt vorkommt. Aber als ich so durch die kleinen Gassen mit den leuchtend Blau getünchten Sockeln der Häuser ~ die ersten dieser Art, die ich hier sah ~ und den kleinen Lädchen lief, konnte ich mir gut vorstellen, dass es sich in den renovierten und wahrscheinlich auch umgebauten und von der Stadtmauer umschlossenen Häusern ganz gut leben ließ. Das Auto musste zwar draußen bleiben, aber die kleinen Läden und Lokale sorgten schon dafür, dass es immer was zum Beißen gab.
Und vom höchsten Punkt der Kasbah, an dem sich ein großer Platz befand ~ die „Plateforme du Sémaphour“ ~ war ein Teil dieses Dorfes und das, was sich außerhalb befand, noch besser zu sehen. Das Meer, die Flussmündung, die Boote auf dem Fluss, die neue Brücke, die beide Städte verbindet, auch wenn sie ~ obwohl schon befahren ~ noch nicht ganz fertig ist und die neuen Anlagen, wie Hotels + Marina, die auf Saalés Seite entstehen. Noch sieht das Ganze aus, als wenn es nie fertig werden und sich zu den vielen Bauruinen hinzugesellen würde, die ich allerorten bereits gesehen hatte. Aber noch scheint gebaut zu werden, wenn auch schon seit Jahren.
Auf jeden Fall stellt diese Anlage so etwas wie einen harten Schnitt zwischen Rabat und Saalé dar. Und wenn man von oben auf das ganze alte und neue Szenario schauen könnte, sähe man mit einigem Abstand zu beiden Seiten des Flusses die beiden alten Stadtmauern mit ihren Medinas, zwischen die sich auf Saalés Seite nun diese Superanlage schiebt. Moderne meets Altertum oder ähnlich, um vielleicht auf diese Weise die weniger quirlige Medina Saalés aufzuwerten. Hier ist alles noch ruhiger und beschaulicher, wie ich auf meinem ausgedehnten, beide Städte verbindenden Spaziergang feststellen konnte. Und viiiielleicht hätte dieses Bauvorhaben auch anders gelöst werden können.
Dabei fiel, sowohl auf Rabats, wie auf Saalés Seite ~ wie immer man sich auch drehte und wendete ~ der Blick immer wieder auf den klotzigen Hassan Turm der alten Moschee, die wegen des Ablebens des damaligen Sultans nie fertig wurde, bzw. bei einem Erdbeben bis auf den Turm und reichlich übriggebliebene Säulen zerstört wurde. Dieses gewaltige Teil beherrschte das das gesamte Stadtbild. Und an dieser ebenso riesigen wie ehrwürdigen Stätte fiel ich dann bei meinem Besuch auch gleich wieder auf, denn ich hatte den Eingang an einer anderen Stelle vermutet und stand nun vor der Entscheidung, in der Hitze den ganzen langen Weg um das Gelände wieder zurück zu machen oder über die Absperrung zu klettern.
Na ja, es war niemand zu sehen und schon war die Sache fast geritzt. Nur leider wurde ich dann, als ich gerade meinte es geschafft zu haben, von einem älteren Aufseher und seinem jungen Kollegen dann doch noch erwischt. Wenn auch nicht beim Übersteigen des Zaunes, sondern „nur“ in dem allerletzten Bereich, den ich von unten nicht einsehen konnte, und der ebenfalls abgesperrt war. Da mir die beiden aber die eigentliche Freveltat wohl nicht zutrauten und annahmen, dass ich mich nur des Fotografierens wegen hier her verirrt hatte, öffneten sie mir netterweise nach einigem Hin und Her dann die letzten Absperrungen. Damit war ich am Ziel, brauchte nicht weiter zu klettern und auch nicht wieder zurück, bedankte und freute mich, so prima davon gekommen zu sein und nun durch den Säulenwald in Richtung Mausoleum Mohammeds V laufen zu können. Der arme Kerl lag da nun schon länger in seinem Sarkophag und wurde von Soldaten in alten, wenn auch fröhlich aussehenden Uniformen mit ihren prächtig verzierten ebenfalls alten Gewehren bewacht. Und man stelle sich vor, jeder Besucher konnte gar von oben auf den König herabsehen, und zwar nur von dort. Ganz anders als bei Mao in Peking, wo der Besucher unterhalb des alten Schwerenöters zu bleiben hatte und zu ihm, dem großen Mao aufsehen musste. Was unterschiedliche Standpunkte doch ausmachen können. So, oder so.
Und unterschiedliche Standpunkte gab es auch in Chellah, einem etwas abseits gelegenem Ruinen Gebiet römischer und islamischer Frühzeit. Und zwar Höhen Standpunkte. Denn auch hier gab es ~ wie wohl überall in Marokko ~ eine Unzahl Störche, die überall ihre Nester auf Bäumen und den Ruinen hatten. Es ist kaum zu glauben, wo ich diese großen Babybringer nicht überall gesehen habe. Wahrscheinlich gibt es hier deshalb noch so viele Kinder. Bei uns macht man ja schon vor Freude fast einen Luftsprung, wenn man mal in einer besonderen Glücksstunde irgendwo auf grüner Au Vater Adebar einzeln rumstehen sieht, wie er da gelangweilt auf einem Bein auf einen Frosch o.ä. lauert Und hier sieht man sie selbst über den großen Städten in ganzen Pulks fliegen und wie sie überall nisten, ihre Jungen großziehen und hört, wie sie fast konzertmäßig mit den Schnäbeln klappern. Es sind nun mal Klapperstörche, gelle?
An einer Stelle habe ich mal versucht, sie zu zählen und bin auf über 50 gekommen. Dabei gab es nur ein kleines Stück weiter bereits die nächste Kolonie. Ich finde das und diese Vögel faszinierend und muss immer aufpassen ~ wenn ich mit hoch erhobener Nase da entlang laufe ~ damit ich nicht über etwas stolpere oder gar in einen offenen Schacht falle, wie damals beinahe in Ulan Bartor. Denn so etwas gibt es hier auch ohne Warnhinweis überall und reichlich, sowohl auf den Gehwegen, als auch auf den Straßen und Plätzen.
Die Einheimischen schmunzeln sich immer eins, wenn sie mich beim Störchekucken beobachten. So, wie sich in einem Café auch Mutter und Tochter eins schmunzelten ~ auch wenn das nichts damit zu tun hat ~ als ich mein leckeres Stückchen Kuchen + exelentem Kaffee fotografierte. Ich hatte es einerseits als Erinnerung für mich fotografiert und andererseits für meine Schwester, die Geburtstag hatte, und der ich dieses Stück Geburtstagskuchen per Mail schicken wollte. Und da das Töchterchen Englisch sprach, konnte ich ihnen meine Beweggründe erläutern, was sie erneut belustigte.
Dieses Café befand sich in Medina Nähe, in die ich anschließend auch wieder eintauchte. Zum einen, weil ich noch einmal nach der speziellen Couscous „Restauration de la Libération“ schauen wollte und zum andern, weil ich gedachte, mir ein neues Hemd zu erhandeln, denn eines meiner Hemden ~ das mich auch schon nach Australien begleitet hatte, begann sich nun bedrohlich schnell aufzulösen.
Und hier stolperte ich dann ~ als ich einen der anderen Medina Eingänge ausprobierte ~ über etwas nicht so belustigendes. Nämlich eine Frau / Bettlerin, die dort mitten auf einem Platz in einer total nach vorne gebeugten Weise saß, dass nichts von ihrem Gesicht zu sehen war. Und vor ihr lagen auf der Erde in Tücher gehüllt, zwei kleine schlafende, allerliebst anzuschauende Mädchen, die fast wie Zwillinge aussahen. Manoman, dieses Bild haute so rein, dass ich erst einmal zu sah, diesen Platz so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Um nach einer Weile wieder zurück zu kommen und festzustellen, dass alle drei noch in der gleichen Stellung verharrten. So, wie sie es auch jedes Mal taten, wenn mich mein Weg wieder dort entlang führte, und das tat er häufiger. Selbst als ich ein paar Münzen in ihre Schale warf, regte sie sich nicht. Und ich habe mich dann sogar gefragt, ob diese Frau ihren Kindern nicht ein ruhigstellendes Mittel verabreicht haben könnte, denn nie bewegten sie sich oder hatten die Augen geöffnet. Und im Säuglingsalter waren sie auch nicht mehr. Ich schätze, dass sie in einem Alter waren, in dem sie normalerweise mindestens durch die Gegend krabbeln oder sogar laufen würden. Aber ich konnte nur ihre Gesichter sehen, alles andere war zugedeckt und somit war das Alter der beiden Mädchen für mich schlecht abzuschätzen. Vielleicht waren es sogar geliehene Kinder, oder die der Tochter dieser Frau. Denn, ohne ihr Gesicht je gesehen zu haben, machte sie eher den Eindruck einer schon älteren Frau jenseits des Kinderkriegens.
Man muss wissen, dass Marokkos Bettler sich nicht scheuen, das Thema Hilfsbedürftigkeit höchst kreativ auszureizen und auch ihre Gebrechen in drastischster Form zu zeigen ~ wenn sie eins haben ~ um so an das Mitgefühl der Passanten zu appellieren. Ich habe da Dinge gesehen, die ich teilweise lieber nicht gesehen hätte. Sie würden für ein medizinisches Fachbuch sehr gut geeignetes Bildmaterial liefern. Und so würde es mich auch nicht wundern, wenn mein Verdacht in der einen oder jeder Richtung stimmt. Normal und gesund aussehende Kinder in dem Alter liegen nicht einfach so still herum.
Fast wäre mir so die Neugier auf das Couscous Restaurant vergangen, aber es spielte eh keine Rolle, denn a) hatte ich ja eben noch den Kuchen gemümmelt und wollte nicht dorthin um etwas zu essen und b) gab es, wie sich herausstellte, eh nur Freitags Couscous, und der Tag war schon Vergangenheit. Und so suchte ich nach einem brauchbaren Hemd, das möglichst eine Farbe und / oder ein Muster haben sollte, dass die Schweißflecken nicht gleich und überall zeigte. So, wie das bisherige es auch getan hatte. Und ich fand ein original gefaktes Burburry Hemd, das diesen Ansprüchen zu genügen schien. Bei 180 Dirham ging es los und es dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis ich das Hemd dann für 80 DH mitnehmen konnte. Dem alten Herrn schien das Handeln richtig Spaß gemacht zu haben, während ich wieder fast ein schlechtes Gewissen hatte und beim Bezahlen noch 5 DH oben drauf legen wollte. Was er aber wiederum schmunzelnd aablehnte. Das Geschäft war schließlich unter Dach und Fach, er hatte sicher seinen Reibach gemacht, und ich konnte mein altes Schätzchen entsorgen. Jetzt musste sich nur noch in der harten Wirklichkeit Marokkos erweisen, ob es auch für mich für weniger als 8 € ein gutes Geschäft war.
Aber Marokkos Wirklichkeit bestand ja auch noch aus anderen Gegebenheiten, wie z.B. auch hier in Rabat aus einem weiteren Goethe Institut, das völlig anders gestrickt zu sein schien, als in Casablanca. Hier erschien mir alles deutlich unpersönlicher und weniger an dem interessiert, was da von außen auf das Institut, bzw. seine Menschen zu kommen konnte und in meinem Fall auch kam. Hatte man mich in Casa angesprochen und z.T. durch die Räumlichkeiten begleitet, und ließ sich gerne von mir ansprechen, passierte hier weder das eine noch das andere. Hier lief ich unbeachtet durch die Gegend, und wenn ich jemanden etwas fragte oder auch nur anlächelte, kam kaum etwas zurück. Selbst in dem hochgelobten Café Weimar war es nicht anders. Überall an den Tischen saßen kleine Grüppchen, die ausschließlich mit sich selbst beschäftigt waren. Also, G.I. in Casa, in gemieteten Räumen, bei Euch hat es mir deutlich besser gefallen, als im G.I. in Rabat mit eigenem Haus. Darauf hatte man in Casa viiielleicht etwas neidvoll extra hingwiesen.
Und da gab es auch noch die Gegebenheit meiner Empfindlichkeit gegen die vor Öl triefenden Tajines, die schon fast zur Abneigung geworden war. Und vielem anderen mehr natürlich. Darf ich bei Ihnen auch gleich den Ölwechsel machen? Schien das Motto der meisten Köche oder Köchinnen zu sein. Ich traute mich kaum noch, irgendwo so einen an und für sich leckeren und vor allem so gut und appetitlich aussehenden Tontopf zu bestellen. Und so folgte ich einer weiteren Lonely Planet Empfehlung, in der es um ein wirklich sehr schnuckeliges Restaurant in der Nähe des G.I. ging. Nämlich das „Tajine wa Tanja“, ein wohl von einer Frau geführtes Lokal, das u.a. als prima Anlaufstelle für alleinreisende Frauen angepriesen wurde.
Die gab es zwar zu dem Zeitpunkt nicht, denn der einzige alleinreisende Gast war ich. Ansonsten gab es nur Paare oder Tische mit ganzen, wie immer zusammengesetzten Gruppen. Und es gab einen Lautenspieler, der von keinem außer mir, dem Alleinreisenden, so richtig wahrgenommen zu werden schien. Dabei spielte er vorzüglich auf diesem bauchigen Instrument mit dem abgeknickten Hals, der Oud. Obwohl ich ja weder wegen ihm, noch wegen der alleinreisenden Frauen gekommen war, sondern weil der LP versprach, dass es hier neben Tajines und Couscous auch andere marokkanische Hausmannskost geben solle, auf die ich ja irgendwie scharf war. Aaaaber, wie die alleinreisende Frauen, gab es auch die nicht oder nicht mehr. Und so wählte ich dann aus dem Angebot der Speisekarte die Gemüse Tajine, in der Hoffnung, dass mein Ölwechsel vom letzten Mal noch ausreichte und mich vor einem weiteren verschonen würde.
Für einen Moment hatte ich überlegt, ob ich nicht mal die Kamel Tajine probieren sollte, war aber dann vor dem Gedanken an das im Fett schwimmende Kamel zurück geschreckt. Was vielleicht die falsche Entscheidung war. Denn am Nachbartisch sah ich, nachdem ich fast fertig gegssen hatte, dass dort ein altertümliches bombenähnlich aussehendes, mit irgendetwas versiegeltes Tongefäß angeliefert und mit einem lauten Plopp geöffnet wurde. Jack aus der Box, bzw. dem Tontopf. Mhmmm, sah das gut aus, was dann da heraus kam und auf dem Teller landete. Und vor allem schien kein Öl oder nur ganz wenig mit im Spiel zu sein. Da hatte ich mich wohl tatsächlich für das falsche Gericht entschieden, denn aus meiner Tajine konnte ich wieder nur die essbaren Teile aus dem Öl fischen und abtropfen lassen. Schade. Aber von dieser allgemein begehrten Spezialität würde ich also wirklich erst einmal die Finger lassen und mich ~ da es mein letzter Rabat-Abend war ~ auf mein nächstes Ziel, Mèknes, im Landesinneren einstimmen, das ich auch wieder mit dem Zug „erfahren“ wollte, weil es nun mal so schön praktisch an der Bahnstrecke liegt.