Baltikum / Litauen
Etappe 7 ~ Vilnius, v. Do. 30.08.2007 bis Di. 04.09.2007
Da kauf einer mal in einer relativ unbekannten Stadt in einem ebenso unbekannten Land, mit einer Sprache, die außer den Einheimischen niemand spricht, 'ne Bahnfahrkarte in eine ebenfalls noch unbekannte Stadt. Und das bei einer Fahrkartenverkäuferin, die kein Wort Englisch oder Deutsch spricht. Na ja, dass ich in Vilnius angekommen bin, zeigt, dass wir ~ Amedeo und ich ~ diese Hürde gemeistert haben. Oder sollte ich besser sagen er, denn seine Unermüdlichkeit, stoisch unseren Wunsch immer wieder zu wiederholen, haben wir es vielleicht letztlich zu verdanken gehabt, dass wir das begehrte Stück Papier dann schließlich in Händen hielten und den Zug entern konnten.
Ja, entern. Denn anders kann ich die Kletterpartie nicht nennen. Im Gegensatz zu jedem anderen heutigen Zug, der als Einstieg über eine recht bequeme Stufe ~ oder auch zwei ~ verfügt, gab es bei diesen Wagons nur 4 senkrecht angeordnete Tritte, wie bei einer Leiter. Wobei schon der erste Tritt ungewöhnlich hoch über dem Plafond, sprich Bahnsteig ansetzte. Und das alles mit dem Rucksack auf dem Rücken, nur ohne Steigeisen ~ Louis Trenker hätte seine Freude an dieser Steilwand gehabt. Aber irgendwie ging es. Genauso, wie es auch irgendwie durch die Gänge und Türen ~ wobei letztere mir enger als bei uns erschienen ~ zu den Sitzplätzen ging. Wir suchten uns, da der Zug noch recht leer war, einen der beiden Plätze mit Tisch aus, um uns so richtig schön ausbreiten zu können. Wie wir später bemerkten, waren das aber nicht unsere Plätze, sondern die, irgendwelcher anderer, später zusteigender Fahrgäste. Aber niemand sagte etwas, wir wurden nur ein paar mal komisch angeschaut. Was wir nämlich nicht wussten, auf sämtlichen Fahrkarten stehen Sitznummern, die anscheinend peinlich eingehalten werden. Sorry, beim nächsten Mal klappt auch das. Versprochen.
Als wir dann mit etwas Verspätung in Vilnius ankamen, bekam ich von Amedeo meine erste Gratis-Traveller-Lektion, die besagte, dass wir „at first“ die Tourismus Information ansteuerten, um einen Stadtplan und erste Information zu bekommen. Und ~ was noch wichtiger ist, vor allem, sich auf der Karte zeigen zu lassen, wo eine mögliche oder die eventuell vorgebuchte Unterkunft liegt und wie man hinkommt. Weiterhin, ob und wo es in der Nähe der Unterkunft Einkaufsmöglichkeiten zur Selbstversorgung gibt. Als nächstes ist dann ist Ticketkauf für die lokalen Verkehrsmittel angesagt. Die werden hier nämlich im Bus oder an Kiosks verkauft, wobei sie dort preiswerter zu haben sind, als im Bus. Und dann hatten wir nur noch die richtige Bushaltestelle zum Ein- und Aussteigen zu finden, mussten noch ein paar Meter laufen und waren am Ziel unseres nächsten Reiseabschnitts. Einem Hostel, das im Gegensatz zum vorherigen in Klaipeda vor räumlicher Größe strotzt. 89 Betten, überall ist reichlich Platz und es machte einen absolut sauberen und gepflegten Eindruck. Nicht dass das in Klaipeda unsauber gewesen wäre. Das hier ist ein älteres Gemäuer mit 70 cm dicken Außenwänden. Und da die Ferien sich dem Ende neigen, ist es ziemlich schwach belegt, so dass wir teilweise ein 6-Bettzimmer für uns allein hatten.
Auch diese Stadt hat wieder ihr eigenes Flair, das ich mir dieses Mal zum größten Teil zusammen mit Amedeo erlaufen habe. Vilnius, die Stadt mit den vielen, vielen Kirchen und Kathedralen. Wahrscheinlich bringt es nur noch eine südamerikanische Stadt auf mehr. Wobei sich hier allerdings die Glaubensrichtungen tüchtig mischen. Interessant ist auch, dass viele Kirchen nach den langen Jahren des Verfalls unter sowjetischer Herrschaft und mangels Geld noch nicht renoviert sind und trotzdem den Gläubigen zur Verfügung stehen, soweit es eben möglich ist. Und ein solches Gotteshaus zu betreten, hat etwas archaisches ~ anders vermag ich es nicht zu beschreiben ~ das mich anrührte, wie es kaum eine Kirche je zuvor geschafft hat. Zumal ich ja eh nicht der Kirchenfan und Kirchgänger bin. Der Putz, der teilweise von den Wänden gefallen war und das ursprüngliche Mauerwerk zutage treten ließ, die Wandbilder und Fresken, die arg mitgenommen auf den intakten Wandfächen manchmal nur noch so gerade erkennbar waren, die Altäre ~ oft aus Holz ~ die als einziges unversehrt schienen, das war schon beachtlich. Die anderen Kirchen ~ und davon gibt es eine Reihe ~ sind (noch) nicht wieder betretbar.
Aber diese Stadt hat natürlich nicht nur ihre Kirchen zu bieten, sondern auch renovierte und unrenovierte wunderschöne Häuser durch die unterschiedlichsten Epochen. Von ganz schlicht, bis überladen ist alles dabei. Sie haben eine Eigenheit, die ich noch nicht kannte, an einigen Stellen hat man sorgfältigst den Putz abgetragen, um das ursprüngliche Gemäuer zu zeigen, das oft an diesen Stellen mal ehemals Fenster oder sonstige Besonderheiten aufwies. Eine Wandgrafik, die besonders abends ~ weil dann angestrahlt ~ sehr gut zur Geltung kam.
Und die Hauptstadt startete mit unserem Eintreffen zugleich ihre „Capital Days“ ~ DAS Hauptstadt Fest mit entsprechendem Remidemmi, sprich Angebot an allen möglichen Aktivitäten, Künstlern, Shows, Bands, Menschenmassen und was sonst noch so dazu gehört. Was der Anfang meiner Reise nicht alles so hergab. Wobei Anfang ja gar nicht mehr so richtig stimmt. Immerhin bin in diesem Moment (So. 02.09.2007) bereits 32 Tage unterwegs. Aber so richtig glauben kann ich es manchmal immer noch nicht, dabei ist es genauso so wahr, wie ich hier in meinem Hostel in Vilnius sitze und schreibe.
Ein halber Tag gehörte Kaverne, einem wunderschönen Fleckchen Erde, dass uns eine Busfahrt von etwas mehr als einer Stunde abverlangte, die aber jede Minute wert war, zumal dieses Eckchen touristisch kaum bekannt und daher auch in den Reiseführern nicht aufgeführt ist. Es handelt sich hier um eine alte, von Menschen angelegte Hügelformation aus 5 Hügeln in der Nähe des Flusses Neris. Ich hatte das Gefühl, als ich zeitweilig mit geschlossenen Augen zwischen ihnen herumlief, die damaligen Menschen um mich herum zu sehen, wie sie ihrem Tagwerk nachgingen, Frauen, Kinder, Hunde, Haustiere, alles was zu einer alten Siedlung gehörte, war vertreten. Und alles zusammen strahlte eine so friedliche Energie aus, so dass wir diesen Ort kaum wieder verlassen mochten. Ganz anders als andere Orte, die ich am liebsten fluchtartig wieder verlassen hätte. Wie z.B. am nächsten Tag das Genocid oder auch KGB Museum genannte Gebäude, in dem die Greueltaten der sowjetischen Besatzungszeit einerseits gezeigt ~ Deportation, Wiederstand der Bevölkerung, den Partisanenkrieg mit allen Facetten ~ und andererseits verübt wurden, da dieses Gebäude als Gefängnis, Folter- und Hinrichtungstätte diente. Freiwillig werde ich mir so etwas nicht wieder ansehen, und ich wusste ~ bald, nachdem ich dieses Gebäude betreten hatte ~ warum ich es bisher vermieden hatte, mir Anlagen in dieser Form anzuschauen, die es ja auch bei uns in Deutschland gibt.
Der heftigste Eindruck, der mich am meisten gebeutelt hat, war das Bild einer jungen Frau, unter dem zu lesen war „killed 15. mai 1943“, einem Tag vor meinem Geburtstag. Und auch jetzt, in diesem Moment haut es mich wieder aus den Puschen, was Menschen Menschen auf der ganzen Welt antun konnten und auch heute wieder antun können und es auch tun, mit gleichen, ähnlichen oder anderen verschrobenen oder fanatischen Anschauungen. Nichts dazu gelernt, das Klassenziel ist immer noch nicht erreicht.
Fast einen ganzen Tag verbrachten wir in Trakai, einer Art Seenplatte mit vielen Inseln, die teilweise über kleine Brücken miteinander verbunden sind. Alles auch äußerst geschichtsträchtig ~ wenn es mich denn mehr ansprechen würde ~ mit einer alten Burg, die in jahrelanger Arbeit wieder aufgebaut wurde, von einer Ruine zum Schmuckstück, das wir uns stundenrund zu Gemüte führten. Da ich es ja leider aber mit dem Geschichtlichen nicht so habe, belasse ich es mal dabei. Wobei diese Wasserlandschaft es auf jeden Fall wert ist, ihr Zeit zu widmen, Geschichte hin und her.
Geschichtliches hat mir hier in Vilnius eh weit mehr tangiert, als es das normalerweise getan hätte, wenn ich allein hier eingetrudelt wäre. Amedeo entpuppte sich nämlich als der wissensdurstigste Mensch auf diesem Gebiet, dem ich je begegnet bin. Und so habe ich mich mitschleifen lassen zu allen möglichen Sehenswürdigkeiten, um die ich sonst vielleicht einen Bogen gemacht oder sie gar nicht wahrgenommen hätte. Abends qualmten mir immer regelmäßig die Füße und der Kopf vor lauter neuen Eindrücken.
Na ja, ich weiß heute schon, dass ich es in dieser Form nicht weiter haben muss. Mein kulturbanauslicher Schlendrian hat mir doch irgendwie besser gefallen. Und den lasse ich wieder einreißen, sobald sich unsere Wege trennen. Wobei meiner erst einmal nach Siauliai und dann weiter nach Riga führen wird, während Amedeo direkt nach Riga fährt, um dort den Flieger nach Hause zu erwischen.
Auf jeden Fall war unsere Begegnung eine, die zu den bisher interessantesten gehört. Habe ich doch hier einen Menschen getroffen, der mich immer wieder verblüffen konnte, mit Eigenheiten, die mir schon seit langem abgehen oder die ich gar nie entwickelt habe. So konnte er sich jedes mal wieder herrlich darüber aufregen, wenn es auf unseren Busfahrten nach Kaverne oder Trakai im Stadtverkehr zu Stauungen kam. Er meinte: „It's our time.“ Er schaffte es nicht, trotz meines Zuredens, das Ganze etwas relaxter zu sehen. Oder der Lärm eines Motorrads in der Stadt oder der eines Skateboardfahrers in seine unmittelbaren Nähe machte ihn auch jedes mal vogelig. Und was es da sonst noch so für Möglichkeiten gab. Ich hätte mich manchmal so wegschmeißen können. Dabei ist dieser Mensch Prof. an der Uni in Bukarest und erst 41 Lenze alt. Was macht er nur, wenn er mal 50 oder sechzig ist? Wird er dann ein alter Kauz sein, der seine Scheuklappen keinen Deut mehr öffnen kann? Es wäre schade.
