Die Wüste Gobi
Vom Mi. 24.10. bis Mi. 31.10.2007
Zu diesem Trip hatte ich mich auf Grund des doch recht langen Zeitraumes von immerhin 8 Tagen mit einigen gemischten Gefühlen angemeldet. Dabei hatten wir ihn schon in gemeinsamer Absprache um einen Tag gekürzt, weil einige von uns am eignetlichen neunten Tag im Zug nach Peking sitzen würden.
Wie würde es sein, tagelang und stundenlang unter minimalen Komfortbedingungen mit einem russischen Geländebulli in einer Wüstenlandschaft unterwegs zu sein? Wie würde sich die im Vergleich zum Nationalpark noch einmal gesteigerte Kälte anfühlen, von der sie alle sprachen, die diese Fahrt bereits gemacht hatten? Und vor allem, wie würde ich mit all dem klar kommen? Hatte ich doch nur meine vorhandenen, relativ sommerlichen Klamotten + den neu erstandenen, bzw. der geschenkten lange Unterhose, sowie zusätzlich einen dickeren Schlafsack des Hostels im Gepäck. Meiner war einfach zu dünn und nur im Plus-Grad-Bereich einsetzbar. Dabei war ja noch nicht einmal richtig Winter und die Tage leuchteten mit babyblauem Himmel und einer Sonne, die in dieser Intensität genauso gut irgendwo im Süden hätte scheinen können.
Aber ich wollte diese Wüstenlandschaft ~ von der alle so begeistert erzählten, und die ich zuvor schon in Deutschland des öfteren in diversen Mongolei Berichten und Filmen gesehen hatte ~ zumindest andeutungsweise kennen lernen. Und so saß ich dann am Mittwochmorgen, nachdem ich erst noch mein Visum für China abgeholt hatte, und Nema, unser Fahrer und Guide das Gepäck verstaut hatte, mit den anderen im besagten Bulli und los ging's.
Nema ~ ich habe keine Ahnung, was dieser Name bedeuten mag ~ kann nur „Der Lachende“ bedeuten, denn selbst wenn er ernst aussah, lachten seine Augen. Und auch, wenn es ernst wurde, wie im Falle der Pannen bei denen jeder von uns geflucht und gewettert hätte ~ von denen es immerhin drei gab ~ lachte er, als freue er sich auf die Herausforderung. Als z.B. der vordere Querlenker ~ oder wie immer das Teil richtig heißen mag ~ abriß. Es gab ein lautes Geräusch, der Wagen schlingerte ein wenig, Nema bremste und schaute nach. Wir natürlich auch. Dann schnappte er sich einen Mini-Wagenheber, eine Kombizange und einen Schraubenschlüssel + einer Schachtel mit Kleinteilen und reparierte das Ganze in Rekordzeit, während wir leicht
frierend drumerum standen und keinerlei Hilfe anbieten konnten. Oder später die Reifenpanne. Auch der Radwechsel ging ohne Fluchen oder irgendeinen Kraftausdruck innerhalb 5 Minuten über die Bühne. Und wohlgemerkt, mit einem Lachen. Er war, bzw. ist einfach ein Pfundskerl, wie er im Buche steht, den wir alle gerne an unserer Seite hatten. Er sprach ein wenig Englisch und ich glaube, wir konnten keinen besseren als ihn finden. Er wusste immer für jedes Problem eine Lösung. Wie auch in dem Moment, als es draußen noch kälter wurde. Da klebte er in die Türrahmen einfach ein zusätzliches Moosgummiband, damit sie dichter wurden, und die Kälte nicht durch alle Ritzen drang und die eh nicht allzu üppige Heizleistung des Motors zusätzlich schwächte. Zu der Zeit passierte es auch, dass der Inhalt einer halben Cola- und Wasserflasche nach einer Weile gefroren war, weil sie unter dem Sitz auf dem Boden lagen. Aber ich greife mal wieder vor.
Nachdem wir Ulan Bator verlassen hatten, tankte er noch einmal und füllte auch einen 50 Liter Reservekanister, den wir auch zweimal brauchten, obwohl es in den Dörfern manchmal auch eine Tankstelle und einen Shop gab. Danach bog er bald von der Straße ab in ein Gelände, wie ich es seit meiner Bundeswehrzeit nicht mehr in einem Fahrzeug sitzend erlebt hatte. Wir wurden in einer Form durchgeschüttelt, die ich nur aus dieser Zeit kannte. Es gab zwar so etwas wie einen Weg, aber der bestand halt nur aus kleinen und großen Wellen, Vertiefungen, Quer- und Längsrillen in abgehackter, buckeliger und sonstiger Form, die jeden Geländefreak begeistert aufjuchzen lassen hätte. Und es war fast egal, ob Nema mit seinem Auto auf dem Weg blieb oder neben ihm fuhr, was er auch immer wieder tat, wenn die Verhältnisse gar zu heftig wurden. Er fuhr uns weit mehr als 1000 Kilometer die gesamten 8 Tage mit einer traumwandlerischen Sicherheit durch alle Situationen, ohne GPS oder sonstigen Hilfsmittel und hatte wohl ~ wie ein Zugvogel ~ alle möglichen Routen im Kopf oder im Gespür, denn verfahren hat er sich nicht ein einziges Mal. Weder im Schneegestöber, noch im Nebel, noch vollkommen abseits der Piste. Er fuhr einfach und kam dort an wo wir hin wollten / mussten.
Wir waren eine seltsam gemischte Gruppe, ein englisches Pärchen (Sarah + Tobi), zwei befreundete Engländerinnen Rebecca + Joanna), ein Japaner (Chidee) mit kanadischem und Diplomaten Pass, der für seine „embassy“ unterwegs war, um die Mongolei nahezu paparatzihaft durchzufotografieren, und ich (Hans, auf den man mich bereits in den baltischen Ländern reduziert hatte, weil der Zusatz Jürgen sich für fremde Zungen immer wieder als zu kompliziert erwies). Es war schon beachtlich und oft genug auch irgendwie belustigend, wie Chidee jedes seiner Motive zehn-, fünfzehnmal ablichtete, dann zum nächsten marschierte und auf seinem Rückweg, die gleichen Motive ein weiteres Mal aufs Korn nahm. Aber es schien ihm Spaß zu machen und so nahm er seine Aufgabe ernst und sammelte seine „pictures“ zu Tausenden auf seinen Speicherkarten, um sie später auf die mitgeschleppten Festplatten zu übertragen.
Auf Grund dieser Zusammensetzung machte ich die Erfahrung, dass ich das Englisch aller anderen, mir bisher begegneten Nationalitäten besser verstehen kann, als richtige original Engländer mit ihrem Akzent, der je nach Landesteil unterschiedlich klingt ~ genau wie bei uns auch ~ und Japaner, die tatsächlich mit dem R und anderen Buchstaben Schwierigkeiten haben, so dass ich immer wieder nur raten konnte, weil ich nicht andauernd sagen mochte, dass ich nur Bahnhof verstand. Hinzu kam die maschinengewehrartige Schnelligkeit in der Aussprache bei allen Parteien, die mich immer wieder überforderte. Zumal sie selten daran dachten, sich zu bremsen und das trotz meiner wiederholten Bitten. Aber es gab noch eine weitere Besonderheit, die die Kommunikation für mich schwierig machte. Eine der Engländerinnen hatte ein gaaaaanz leises Piepsstimmchen, was es schon strapaziös genug für mich machte. Aber sie lispelte zusätzlich und damit stand ich dann völlig auf dem Schlauch. Ich möchte mal einen Engländer sehen, der einen lispelnden Bayern oder Sachsen verstehen will.
Wie dem auch sei, ich saß nun mal in diesem Boot und musste dadurch, würde mir aber in
einer ähnlichen Situation schwer überlegen, ob ich mich noch einmal auf eine geballte Ladung Engländer einlassen würde. Wie mir Sarah erzählte, hatten aber auch sie Schwierigkeiten, Chidee zu verstehen, was mich
dann doch etwas beruhigte.
Dennoch hatte diese Fahrt etwas, was nicht mit Geld zu bezahlen ist. Nämlich die Erlebnisse, die mit ihr verbunden waren. Ob es nun die immer wieder wechselnden, meistens menschen- und baumleeren Landschaften, mit wenig oder auch gar keiner Vegetation waren, die mal sanft hügelig an uns vorbei zogen oder vollkommen flach wie endlos aneinandergereihte Fußballfelder oder UFO Landeplätze, schroff und felsig, kieselig, steinig, sandig, oder, oder. Fast keine Laune der Natur wurde ausgelassen. Aber auch die menschengemachten Dinge gab es, wie Dörfer, kleinere Städte oder jüngere und alte Klosterruinen, bis hin zum Kloster an der Stelle der alten Hauptstadt Karakorum. Hier trafen wir sogar einen Mönch, der uns eine Art Grund- oder Gedenkstein zeigte, der das ehemalige Zentrum symbolisieren sollte.
Und all diese Bilder wurden immer wieder ergänzt durch gemischte Schaf- und Ziegenherden von schätzungsweise 150 bis 200 Tieren, sowie Gruppen von Kühen, kleinen und größeren Herden von Pferden (von 3 bis 50 oder 60 Pferden), sowie Kamelen, die ebenfalls in kleineren oder größeren Gruppen daher kamen. Selbst ein paar Jaks konnten wir entdecken. Und Adle
r, manchmal nur Harpien, adlerähnliche Vögel, kaum weniger beeindruckend ~ auf dem Boden und im Flug ~ sowie ein paar Geier bei ihrer Mahlzeit. Wobei diese Vogelarten leider mit einer riesigen Fluchtdistanz ausgestattet waren, bzw. sind, die es nur zuließ, sie in Spatzengröße auf die Speicherkarte zu bekommen, falls man nicht mit mindesten ein 200er Objektiv dabei hatte. Sei's drum, ich hatte es nicht und so habe ich meine Adler und wilde Bergziegen und Bergschafe, sowie gazellen- oder atilopenähnliche Viecher und kleine Streifenhörnchen und ein Murmeltier dann mehr auf meine eigene innere Festplatte gebannt. Diese neugierigen Hörnchen, die es auch in unseren Zoohandlungen zu kaufen gibt, habe ich eine ganze Zeit in einer Gegend beobachten können, in der Büsche wuchsen, die hier zu baumähnlichen Gebilden mutiert zu sein schienen. Allerdings waren diese Streifenhörnchen trotz der kargen Natur deutlich wohlgenährter, sprich dicker, als bei uns. Und sie hörten auf mein leises Pfeifen, denn wenn das ertönte, kamen sie zahlreicher aus ihren Bauten, als ohne. Es war lustig ihrem munteren Treiben zuzuschauen.
All diese Eindrücke zu beschreiben, ist mir nahezu unmöglich, ich kann sie nicht wirklich vermitteln, auch kein Foto könnte es. Wie will ich kleines Menschlein auch Majestätisches, Landschaften der Superlative wirklich beschreiben oder darstellen? Wie die scheinbar unendliche Weite, die Leere, die Einsamkeit? Oder das Auftauchen einer Jurte mit ihren paar dazu gehörigen Menschen, sprich Familie ~ manchmal incl. eines Babys ~ in dieser Leere, die dann für die kommenden Stunden und die nächste Nacht unser Zuhause sein sollte? Zumal all diese Menschen und Gastgeber dann auch jedes Mal anders waren.
Es gab diejenigen, die technisch auf der Höhe waren und über Solarzellen, eine riesige Satellitenschüssel, einen LKW, ein Motorrad (fellverkleidet mit Fellstulpen, statt elektrischem Handwärmer, einmal sah ich sogar einen Jeep, dessen Motorhaube in ein Fell gehüllt war) und sonstiges neben ihren Tieren verfügten, so dass wir hin und wieder sogar Strom = Licht in unserer Jurte hatten und unsere Akkus aufladen konnten. Manchmal war es auch nur eine Autobatterie, an die eine kleine Birne angeschlossen wurde. Und dann gab es nur Kerzen oder auch nicht. Es gab diejenigen, die so freundlich, offen und zugänglich waren, dass wir das Gefühl hatten, nach Hause gekommen zu sein. Wir wurden mit allem reichlich versorgt und sogar in die eigene Jurte eingeladen, machte uns mit allen Familienmitgliedern bekannt und bekamen die Fotos der wichtigsten Familienereignisse zu sehen. Es wurde gelacht und gejuchzt, auch wenn jeder den anderen nur über ein, zwei Brocken Englische oder Zeichensprache verstand. Und es gab die anderen, die relativ unfreundlich erschienen, sich kaum zeigten und den Kontakt zu vermeiden schienen und nur das Allernötigste an Verpflegung und Heizmaterial zur Verfügung stellten, so dass wir zum einen froh waren, eigene Futtereien dabei zu haben und zum anderen, einiges an Klamotten zum zusätzlichen Anziehen, um nachts nicht allzu sehr zu frieren. Im unangenehmsten Fall hatten wir nicht nur zu wenig Heizmaterial, sondern auch eine Jurte mit diversen Löchern und Undichtigkeiten. Am anderen Morgen waren keine Köpfe, sondern nur Schlafsackhügel zu sehen, in die sich
alle bis über die Ohren eingekuschelt hatten, nachdem sie sich zusätzlich im Laufe der Nacht immer noch ein Teil aus dem eigenen Fundus über das angezogen hatten, was eh bereits jeder von uns zum Schlafen anzuziehen pflegte. Das war vielleicht eine Nacht. Ich hatte zusätzlich zur langen Unterhose meine Jogginghose, zwei Paar Socken, ein Hemd mit kurzem und eins mit langem Arm + Pullover angezogen, meine Mütze aufgesetzt und meinen dünnen Schlafsack oben drüber gepackt, so dass ich es halbwegs aushalten konnte. Und die anderen hatten es ähnlich gemacht. Aber man hatte uns ja vorgewarnt, nur hatte es niemand so richtig glauben mögen. Hier waren selbst die 4000 Turik (ca. 3 Euro) noch zu viel, aber reklamieren war auf Grund der Verständigungsschwierigkeiten nicht drin. Außerdem gehörte es wohl mit zum Abenteuer in der Wüste.
Geheizt wurde übrigens auf unterschiedliche Art und Weise. Waren es Anfangs noch Holz + Kohlen, ging es dann bald über auf getrocknete Perdeäppel und Kuhlfladen, sowie Schaf- und Kamelmist. Das Zeug brannte prima und roch keinen Fatz. Es wurde gesammelt und in der Nähe der Jurte gestapelt, so dass es immer in ausreichender Menge z
ur Verfügung stand. Ich habe Jurten gesehen, um die eine Art Schutzwall aus Kuhlfaden gebaut worden war. So etwas nenne ich nachhaltiges Wirtschaften. Neben einer dieser gesammelten Werke fand ich etwas ganz beachtliches, nämlich ein leeres Bierfass der deutschen Thier Brauerei aus Oelde in Westfalen, meiner alten Heimat. Wie das wohl hierher gekommen sein mochte?
Was auch zum Wüstenabenteuer gehörte, war alles, was unter den Begriff „sanitäre und hygienische Gegebenheiten“ fällt. Morgens, abends und überhaupt war nur Katzenwäsche mit etwas Mineralwasser aus dem eigenen Vorrat angesagt ~ meistens draußen vor der Jurte in der Kälte, weil es drinnen nur in zwei Jurten eine Waschtischkonstruktion ähnlich der auf der Insel Olkhon beschriebenen gab.
Und natürlich das Thema Toilette / WC. Einige Jurten hatten besagtes Bretterhäuschen, andere nicht. Hier konnte man sich am Tag nur weit genug entfernt seinen Platz im meistens absolut ein- und übersichtigen Gelände suchen, um sein wie immer geartetes Geschäft zu erledigen oder man verkniff es sich, so gut es ging bis zur nächsten etwas geschützteren Stelle mit ein wenig mehr Privatsphäre.
Aber auch wenn ein Häuschen vorhanden war, mussten zumindest anfangs erst einmal gewissen Hemmnisse überwunden werden, denn wie bereits im National Park beschrieben, gab es hier nur das Loch, bzw. den Spalt im Bretterfußboden über den man sich hockte. Aber wenigsten war man vor Wind und Wetter ein wenig besser geschützt, als draußen in freier Natur. Ich habe zwei Tage gebraucht, bis ich bereit war, diese Einrichtung zu akzeptieren, länger konnte ich es mir nicht verkneifen. Aber dann war diese Art Toilette kein Problem mehr, selbst in den Orten nicht, die wir ja auch einige Male ansteuerten. Hier war es manchmal sogar so, dass es zwei oder drei Häuschen ohne Türen nebeneinander gab, so dass die Benutzer sich unterhalten konnten. Statt Tür gab es eine Blende, die so breit war, wie die Häuschen und nur so hoch, dass man den Kopf des gerade dort Hockenden noch sehen konnte oder andersherum, der- oder diejenige das Geschehen draußen verfolgen konnte. Und folgerichtig war das Häuschen in Richtung Ort oder Straße ausgerichtet, um alles Wichtige mit zu bekommen. Für mich sah dieses Bild immer zum piepen aus.
Aber in zweien dieser Orte gab es etwas, was wir doch alle sehr vermissten, nämlich die Möglichkeit, uns in einem Badehaus ein Rundumreinigung, eine Dusche zu gönnen und auch ins Internet zu können, wenn auch etwas mühsam. Auch einkaufen konnten wir hier, um so unsere Vorräte zu ergänzen. Diese Badehäuser hatten mehrere Duschräumchen, in denen sich die Bewohner wahrscheinlich mangels eigener Badezimmer duschen konnten und können. Und in denen natürlich auch jeder von uns sich eins für 1000 Turik (ca. 50 oder 60 Cent) für die Dauer seines Reinigungsprozesses mieten konnte, um dann strahlend wie ein Frühlingsmorgen erneut in die Wüste einzutauchen. Es war einfach nur k
lasse, wenn wir wussten, dass an dem oder dem Tag so ein Ort fällig war.
Unsere Tour war so aufgebaut, dass wir jeden Tag immer mindestens ein Highlight anfuhren. Das konnten interessante Felsformationen sein oder Hügel, die auf Grund verschiedener Oxidationsprozesse in verschiedenen Farben leuchteten oder Schluchten, eine alte Klosterruine, die großen Sanddünen, eine besonders schöne Landschaft oder das sogen. Ice Valley, das wir leider nicht zu sehen bekamen, weil uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung machte.
Schon auf dem Weg dahin begann es
zu schneien, und zwar so, dass wir uns manchmal fragten, wie Nema überhaupt noch den Weg finden, bzw. auf ihm bleiben konnte. Aber selbst als uns ein anderes Fahrzeug in dem Schneetreiben entgegenkam, anhielt und der Fahrer erzählte, dass er umgekehrt sei, ging es erst einmal noch weiter. Bis wir an eine Stelle gelangten, an der es ein naturkundliches, wenn auch geschlossenes Museum und den Eingang mit Zahlstelle für das Ice Valley gab. Hier hatte man die Schranke geschlossen, weil wegen des Schnees kein Weiterkommen mehr möglich war. Also hieß es auch für uns Umkehren. Und auf diesem Rückweg, den unser Guide anders wählte, als den Hinweg ~ er wollte von dieser Stelle aus zum nächsten Anlaufpunkt ~ passierte es dann in einer Kurve, die sich zugleich als Buckel herausstellte, das er im wahrsten Sinne die Kurve nicht kriegte und in eine Schneewehe rauschte. Tja, damit saßen wir dann so fest, dass weder Allradantrieb noch Differentilasperre uns da wieder rausbrachten.
Also hieß es aussteigen und nachdem Nema mit einem Brett ~ mangels Schaufel ~ dem Schnee eine Weile zu Leibe gerückt war, kleinere Steine zu sammeln und unter die Räder, zwecks besseren Gripps zu packen und dann den Bulli rauszuschaukeln, während Nema während schneller Gangwechsel ~ Vorwärts- / Rückwärtsgang ~ entsprechend Gas gab. Und dann klappte es schließlich, der Wagen kam frei und unsere Fahrt aus dem Schnee in etwas gemütlichere Gefilde konnte weiter gehen. Zuvor hatten wir jedoch noch einen zugefrorenes Flüsschen zu überqueren, wobei auch Nema nicht wusste, ob das Eis tragfähig genug ist, bzw. tief er sein würde, wenn der Bulli einbräche. Also suchte er erst einmal das Ufer ab, um sich dann für eine schmale Stelle neben der Hauptfurt zu entscheiden. Wieder hieß es aussteigen, um den Wagen zu erleichtern und dann husch, husch, rüber auf die andere Seite, auch wenn das Eis nicht hielt. Auch für diese Situationen hatte Nema nur ein Lachen übrig, kein Schimpfwort oder ein Fluch kam die ganze Zeit über seine Lippen.
Diese etwas gemütlicheren, aber trotz Sonne satt dennoch kalten Gefilde waren dann schließlich die sogen. „Großen Sanddünen“, in deren vorgelagertem Areal unsere nächste Gastjurte bei einer der Familien lag, die wir zu den gastfreundlichsten und herzlichsten zählten. Hier sollte auch unser zweistündige Kamelritt stattfinden, den wir dann auch am etwas späteren Nachmittag in Richtung dieser Sanddünen antraten. Schon bevor es losging, war es eine Gaudi, die Tiere in direkter Nähe zu erleben, sie anzufassen und aufzupassen, dass sie einen nicht mit ihrem wiedergekäuten Futter besabbelten oder gar anspukten. Sie lagen auf der Erde, so dass sie nicht ganz so riesig wirkten, wie stehend und bekamen zwischen ihre Höcker eine Decke gelegt, an der sich für uns Touris die Steigbügel befanden, die wir aber trotz des Wortsinns nicht zum Aufsteigen benutzen konnten ~ die beiden Jungs der Familie ritten z.B. im Gegensatz zu uns komplett ohne.
Aber erst einmal bekam jeder „sein“ Kamel zugeteilt, bzw. jedes Kamel bekam seinen Menschen. Ich wurde gleich als erster an ein Kamel verteilt und musste dann mit meinen nicht gerade langen Beinen ohne Leiter oder sonstige Hilfsmittel irgendwie auf mein Platzdeckchen zwischen den Höckern des Tieres gelangen. Gelenkigkeit war hier gefragt. Und obwohl ich keinen Spagat hinbekomme, reichte es dann doch ~ ohne mich zu blamieren ~ für diese Kamel-Aufsitz-Übung, die ihre Krönung dann erlebte, als dieses Riesensofa dann den Befehl zum Aufstehen bekam.
Da bei diesem Vorgang anscheinend die Gefahr des schnellen unfreiwilligen Abstiegs besteht, bekamen wir zuvor gezeigt, wie und wo wir uns am geschicktesten festhalten könnten. Und so blieben dann auch alle oben und los ging's in einem sanft schaukelnden Gang, der einen wunderbar zum Einschlafen hätte bringen können, wenn nicht alles um uns herum zu interessant und außerdem zu kalt gewesen wäre.
Ich weiß nicht, wer gesagt hat, dass der Kamelgang ~ ein Passgang übrigens ~ unbequem sei, ich jedenfalls fand, dass es der bequemste Gang eines Reittieres war, den ich je erlebt habe. Hinzu kommt, dass ein Kamel mit seinen Höckern quasi eine Rückenlehne bietet und vor einem etwas, an dem man sich festhalten oder ein Buch o.ä. anlehnen kann. Genial, auf keinem Pferd ist das möglich, und auch seine Gangarten sind für mein Empfinden nicht immer die bequemsten.
Aber egal, wir trotteten langsam aber sicher in Richtung der Sanddünen und mussten vorher noch ~ völlig unerwartet ~ ein Flüsschen überqueren. Und in dem Moment wusste ich auch, warum einer der beiden Führer so eine Art Anglerstiefel mitgenommen hatte. In die schlüpfte er nämlich, führte sein Kamel ins Wasser und alle anderen folgten brav.
Diesen kleinen Fluss hier im Bereich der Sandwüste vorzufinden, fand ich schon interessant, denn im Gegensatz zu Flüssen in anderen Ländern, gab es am Rand keinerlei Bewuchs, der anzeigte, dass hier Wasser zur Verfügung stand. Es war, als ob das Wasser nicht in das Erdreich eindringen könnte oder vielleicht auch, dass der Boden trotz Wasser nicht genügend hergab, um Pflanzen eine Chance zu ermöglichen. Immerhin reichte es, um die Menschen und Tiere in seiner Nähe mit Trinkbarem zu versorgen. An allen anderen Stellen hatte ich mich nämlich immer wieder gefragt, woher die Menschen und ihrer Herden ihr Wasser bekommen, bzw. wo sie es finden, aber mangels Verständigungsmöglichkeit nie eine Antwort bekommen. Ich vermute mal, dass es mit einem der Tankwagen kommt, die wir hin und wieder zu Gesicht bekamen. Einmal kam uns sogar ein Linienbus entgegen, der aber sich geländegängig gewesen sein dürfte, denn ohne diese Technik wäre er nicht weit gekommen. Wie auch ein mongolischer Tourist, der sich mit seiner Familie und einem Toyota Corolla durch die Gobi quälte. Keine Ahnung, ob er heile an seinem Ziel angekommen ist.
Na ja, dann waren wir am Fuß der Dünen angelangt und es hieß absteigen, um sie auf den eigenen Füßen ein wenig zu erkunden. Lawrence von Arabien war in dem Moment ganz nah. Und für mich gehörte dieses kurze Eindringen in diese Dünenlandschaft zum Größten, was die Gobi für mich bereit hielt. Das war Kurische Nehrung hoch 8. Als ich mich von der Gruppe gelöst hatte und scheinbar mutterseelenallein durch den Sand stapfte, überkam mich ein Gefühl des All-Eins-Seins, wie ich es außerdem nur erlebt habe, wenn ich nachts im fahlen Mondschein draußen war und mich einige Schritte von der Jurte entfernt hatte. GRANDIOS.
Hatte ich bisher geglaubt, ich würde bei jedem Schritt knie
tief im Sand einsinken, sah ich mich angenehm enttäuscht. Das passierte nur, wenn ich mich an einer der Abrisskanten befand, an denen der Wind die Milliarden Sandkörner weitertrieb, um der Düne ein neues Gesicht zu geben. Überall woanders war der Sand fest, ähnlich dem im Watt bei Ebbe. Und er hatte das gleiche Waschbrettprofil.
Manoman, das waren vielleicht Bilder, die sich hier unlöschbar in meine Matrix einbrannten. Die schier unendlichen Mengen Sand, die vom Wind an jeder Stelle weitergetrieben wurden und die Konturen verschwimmen ließe, die vielen unterschiedlich geformten Dünenbilder erzeugten, die Sonne, die das alles in ein gleißendes unwirkliches Licht tauchte und kleine Pflanzen, die es selbst hier, an ein
er der unwirklichsten Plätze noch zu überleben schafften. Jedenfalls so lange, wie der treibende Sand es zuließ. Einfach sagenhaft, das alles. Und dann war unser kleiner sandiger Ausflug auch schon beendet, wir mussten zurück und hatten dabei ~weil es schon in den späten Nachmittag ging, einen kalten Wind als Begleiter, der bis auf die letzten Minuten Gott sei Dank von hinten kam. Aber diese letzten Minuten hätten fast gereicht, dass mir die Nase als kleiner Eisklumpen aus dem Gesicht gefallen wäre. Manonman, war das kalt. So etwas habe ich weder beim Skilaufen, noch sonst wo erlebt. Es war einfach nur ätzend, und nicht nur ich war froh, als dann in die überwarme Jurte zum heißen Wasser eingeladen wurde, aus dem sich jeder nach belieben seinen Tee oder Nesscafe bruzzelte.. Ich hätte meine Nase so in meinen heißen Instantkaffee tauchen können.
Tja, und dann kam der letzte Tag, unser Rückreisetag, der dann zum Großteil wieder auf einer mehr oder weniger asphaltierten Piste stattfand. Und dann hieß es im Hostel angekommen, zu Duschen, mich mal wieder in der „French Bakery“ ausgiebig im Internet zu tummeln, alles für den nächsten frühen Morgen und die Zugfahrt nach Peking vorzubereiten und zu packen und mich von Ulan Bartor zu verabschieden. Die nächste Etappe stand an.

