Irkutzk ~ Baikalsee
Etappe 15 ~ v. Sa. 06.10. bis Mo. 15.10.2007
Samstagmorgen, Ortszeit Moskau 05:26 oder + 5 Stunden = 10:26 Ortszeit Irkutzk, ratterte mein über 80-Stunden-Zug in den Hauptbahnhof von Irkutzk ein. Wieder ~ oder immer noch ~ bei strahlendem Wetter, obwohl eine Leuchtanzeige auf der Bahnhofsfassade Minus 2 Grad anzeigte. Ich bin also nicht nur in Irkutzk gelandet, sondern Anfang Oktober auch im Winter. Aber das war ja schon nach meinem Erwachen im Schnee hinter Novosibirsk deutlich geworden, dass es mit den gemütlichen 26 Grad vorbei ist, wie ich sie noch in Moskau gehabt hatte. Ist schon putzig mit dem Wetter.
Und so hörte ich dann auch auf Olgas Rat, doch wenigstens meine Fleecejacke anzuziehen, um nicht gleich bei meiner Ankunft zu erfrieren. Und dann war es soweit, die Liege war wieder „nackt“, wie ich sie vorgefunden hatte. Mein Dankeschön für die beiden Schaffnerinnen Julia und Tanja hatte ich Julia in die Hand gedrückt, da sie inzwischen wieder Dienst hatte. Meine Klamotten waren gepackt und mussten nun durch den engen Gang nach vorne zum Wagenausgang geschleppt werden, und Olga erledigte das Gleiche mit ihrem Koffer hinter mir, Tanja vorne weg, um das Abschiedskomitee zu bilden, während Sascha das traute Heim hütete, das die beiden nun bis Blagoveshensk mit etwas Glück vielleicht für sich haben würden. Von dort bis Vladivostok, der Endstation der Transsib, sind es dann immer noch etwas mehr als 1800 Kilometer, bevor die gesamten 9289 Kilometer abgespult sind. Aber dass es mich nach meinen Erfahrungen immer noch reizen könnte, soooo lange an einem Stück im Zug sitzen, kann ich nicht mehr behaupten.
Und dann leuchtete mir doch tatsächlich auf dem Bahnsteig ein Schild mit dicken fetten roten Buchstaben entgegen, das nach einem Hans, also nach mir fahndete. Ich hätte nicht gedacht, dass das klappen würde. Swetlana stand dort, eindeutig Sibirierin von ihrer Physiognomie her und freute sich, als ich durch das Gewusel auf sie zumarschierte. Und ich freute mich, dass sie dort stand. Nach einer kurzen Einführungsrunde ging's raus vor den Bahnhof, über die Straße zur Bushaltestelle. Wir würden nämlich mit einem Minibus, einer „marshrutka“ in ungefähr 20 bis 30 Minuten raus zum Hostel fahren, meinte sie. Meine erste Fahrt mit so einem Teil, die auf Kosten des Hauses ging. Olga hatte also recht behalten mit ihren Entfernungsangaben. Na ja, wenn sie es nicht weiß, wer dann. Das Fahren mit diesen Minibussen und normalen Bussen ist übrigens eine äußerst preiswerte Angelegenheit. 10 Rubel, das sind gerade mal 30 Cent, kostet die Fahrt, bis man aussteigt, egal, wie weit die Fahrt innerhalb der Stadt auch immer geht. Eine Busfahrt ist sogar noch 3 Rubel günstiger.
Nach dem Einchecken habe ich mich dann doch erst einmal auf den Weg in die Stadt gemacht, auch jetzt wieder mit der „marshrutka“, wobei ich bei dieser Fahrt gleich nach der zweiten Haltestelle vom Fahrer angemacht wurde, weil ich nicht bis auf den letzten freien Platz in der letzten Ecke vorgerückt war, denn dadurch konnte er einen neuen Fahrgast nicht mehr einladen, weil der halt nicht reinkam. So'n Shiet aber auch, wer kann so etwas bei seiner zweiten Minibusfahrt schon wissen. Aber immerhin kam ich in die Stadt, wenn auch mangels gescheitem Stadtplan nicht zielgenau. Ich war nämlich zu früh ausgestiegen, ohne zu wissen wo genau und musste das nun irgendwie korrigieren, was die gleichen lustigen Schwierigkeiten wie immer heraufbeschwor: Ganz Irkutzk schien kein Englisch zu sprechen, und ich nach wie vor zu wenig Russisch. Also vertraute ich letztendlich meiner schlechten Stadtplankopie und wanderte munter drauf los. Was, wie bisher noch immer, gut klappte, denn ich landete trotz des irrsinigen Verkehrs, der hier kaum anders als in Moskau war, auch tatsächlich im Zentrum.
Manoman, auch hier staunte ich erneut wieder über das Kontrastprogramm, das Irkutzk sich ausgedacht hatte. Noch stärker als bisher hatte ich das Empfinden, mich garantiert nicht mehr in Europa und schon gar nicht mehr in einem vertrauten Umfeld zu befinden. Straßennamen waren nach wie vor schlecht zu entdecken, da sie sich halt nicht an dem ersten Eckgebäude befanden oder ganz fehlten. Sämtliche Läden waren noch schwerer zu identifizieren und zu finden, als bisher. Und es gab Fast nur noch Mini-Läden, kaum größer als 2 oder 3 Quadratmeter groß, aber mit allem bestückt, was des Russenherz begehren mag. Hauptsächlich Klamottenläden jeglicher Art, Handy Shops, CD Läden, Schnapsläden, Schlüsseldienste und was weiß ich. Und fing das Gleiche von vorne an und wiederholte sich erneut, bis zum Abwinken. Aber die Menschen super, wie gehabt. Sie wahr zu nehmen, in ihrer Andersartigkeit, in ihrem bunten Gemisch ~ und dennoch den gemeinsamen Nenner zu entdecken ~ war das Faszinierendste.
Ich fand hier bei meinem allerersten Rundgang sogar gleich mehrere Möglichkeiten, bei denen ich meinen Rucksack hätte reparieren lassen können. Ein alter Mann hatte seine Nähmaschine und alles was er brauchte, sogar an einer Straßenkreuzung aufgebaut und reparierte dort alles, was man ihm gab. Schuhe, Taschen, was immer man ihm auch in die Hand drückte. Und alles war in allerkürzester Kürze fertig. Nix mit: „Hier hamse 'n Zettel, kommse mal am Donnerstag wieder, aber nicht zu früh, dann hab' ich's viiiielleicht fertig.“ Nein, hier fluppte das in Echtzeit. Ein Junge hatte einen Schuh ausgezogen und wartete darauf, ihn in einigen Minuten heile wieder anziehen zu können. Faszinierend. Ich habe einen anderen Schuster bei seiner Arbeit beobachten können und dabei gesehen, wie er in alter Manier mit einer Ahle und anderen Werkzeugen, deren Name mir entfallen sind, einen, sich in seine Bestandteile aufgelösten Schuh reparierte ~ völlig in seine Arbeit versunken, als gäbe es nichts anderes. Trotzdem hat es letztlich mit meiner Reparatur nicht geklappt, weil sie alle meinten, dass mein Rucksack sich nicht reparieren ließe. Vielleicht meinten sie ja auch, dass es sich nicht lohnt. Keine Ahnung, was sie da vor sich hinbrabbelten.
Etwas frisch war es inzwischen geworden. Und das, obwohl ich extra noch mal ins Hostel zurück gegangen war, um meine Jacke mit zu nehmen. Ich hätte gut und gerne zusätzlich meine Fleecejacke gebrauchen können, zumal der Nachmittag ja weiter fortschritt und es statt wärmer eher noch kühler wurde. Wahrscheinlich muss ich mir doch noch 'ne lange Unterhose und so'n Zeugs besorgen. Au man, wie ich das hasse, aber mir irgend etwas wichtiges abfrieren lassen will ich mir hier natürlich nicht. Alles klar?
Und so habe ich mich dann erst mal wieder auf den Rückweg gemacht, ohne genau zu wissen, wie und wo ich denn nun einen Mini- oder auch Maxibus finden könnte, der mich in die richtige Richtung fährt. Zumal ich durch meine Kreuz- und Querlatscherei wieder ganz schön ins Abseits geraten war. Aber für den Rückweg habe ich dann tatsächlich einen großen Bus erwischt. Und das war vielleicht mal wieder ein Gefühl. Ich weiß nicht, ob jemand nachempfinden kann, wie es ist, frisch angekommen zu sein in einer absolut fremden und nicht gerade kleinen Stadt, mit Menschen die in einer fremden Sprache und Schrift kommunizieren, und von denen niemand, den du fragst, Englisch versteht, eine passende Bushaltestelle und den richtigen Bus zu finden und quer durch die ganze Stadt dort hin zurück zu kommen, wo man aufgebrochen bist?
Jedenfalls stand ich vorne neben dem Fahrer, weil der Bus a) voll war, ich b) sehen wollte, wo er langgurkte, um evtl. vertraute Sichtmarken früh genug zu erkennen und damit die passende Haltestelle und c) weil er mein Fahrgeld aus irgendeinem Grund nicht annehmen wollte und immer nur „patom“ sagte. Da ich anfangs nicht gerafft hatte, dass jeder Fahrgast seine Fahrt erst beim Aussteigen bezahlt, glaubte ich dann, es bedeutet nachher und wartete geduldig, bis er geneigt sein würde, meinen Obolus anzunehmen. Später, als ich im Hostel nachfragte, erfuhr ich, dass es Spiegel bedeutet, und ich ihm anscheinend die Sicht versperrte. So was aber auch. Und so war es da vorne von mir unbeabsichtigt dann aus dem Grund vielleicht gleich doppelt spannend, weil er trotz dieser Behinderung mit dem Verkehr klar kommen musste, und ich seine Fahrweise und die der anderen Autofahrer hautnah mit bekam. Milimetergenau wussten sie anscheinend alle einzuschätzen, ob es noch passt, oder ob gebremst, bzw. Gas gegeben werden musste. Einige male war ich sicher, gleich ist zumindest der Außenspiegel hin.
An dieser Stelle ist es von gewissem Interesse zu wissen, dass weit mehr als die Hälfte der PKW's und ein Teil der Minibusse das Lenkrad auf der rechten Seite haben, was im, auch hier geltenden Rechtsverkehr die ganze Angelegenheit noch einmal komplizierter machen dürfte. Das Ganze ist schon saaaagenhaft und nicht unbedingt für schwache Nerven, aber aufregend. Ähnliches habe ich nur damals in Bangkoks Tucktucks oder bei den Autofahrern im Senegal erlebt.
Anders als bei uns, stammen die Busse kaum von Mercedes o.ä. sondern sind aller Regel asiatischen Ursprungs. Oft von Firmen, deren Namen bei uns gar nicht oder nur wenig bekannt sind. So wusste ich bisher nicht, dass Toyota oder Daihatzu und andere auch Busse bauen. Ein Bus hatte gar ein Armaturenbrett aus feinstem Wurzelholz ~ da kam doch gleich Bentley- oder Rolls-Roys-Feeling auf.
Allerdings mussten die Fahrer noch ein wenig mehr managen, denn sie waren allein auf ihrem Bock und hatten zusätzlich die Finanzen zu verwalten, will heißen, zu kassieren. Und das hieß, dass jeder am Ende seiner Fahrt an ihm vorbei musste, um seine Rubelchen loszuwerden, was das Gedränge im vorderen Teil des Busses noch erhöhte. Fahrkarten gab es nicht, auch keine 10-er, Wochen- oder sonstige Karten, die zu mehr als einer Fahrt berechtigt hätten. Und so handhabte jeder Fahrer das ungefähr auf die gleiche, weil wahrscheinlich bewährte Art und Weise. Sie hatten sich aus irgendwelchen Schachteln oder Kästchen Behältnisse gebastelt, in die sie ein und zwei Rubel Stücke so klemmen konnten, dass sie auf diese Weise auf die 10er Rubelscheine ~ mit denen bestimmt zu 80% bezahlt wurde ~ schnellst möglich 3 Rubel zurück geben konnten. Denn die Busfahrt kostete ja 7 Rubel. Und für den Fall, dass jemand mit 'nem Hunni oder einem Fuffziger bezahlte, steckten in allen möglichen Ritzen des Armaturenbrettes jeweils 9, bzw. 4 bündelweise zusammengefalltete 10er Rubelscheine, um auch in so einem Fall fix wechseln zu können. Das Sortieren der Münzen, Bündeln und Falten der Scheine, sowie Rauchen usw. bewerkstelligten sie äußerst geschickt während der Fahrt mit einer Hand. Dabei wurden die Bündel sogar noch einmal nachgezählt.
Die Busfahrten waren eh die spektakuläreren Fahrten, weil ~ wenn man es geschickt anfängt ~ in einen Bus nun mal grundsätzlich mehr Menschen hineinpassen, als in einen Minibus, der mit 13 oder gar 15 Personen voll besetzt ist, wenn neben dem Fahrer noch 2 Personen sitzen können. Dann aber war Schicht im Schacht. Bei den Bussen lief das anders. Hier wurde jeder mitgenommen, der den Wunsch hatte, mitgenommen zu werden. Da konnte das Gefährt noch so voll sein. Hier galt das Motto: Einer geht (mindestens) noch rein. Und so wurde gedrängt, gestopft, gepresst, bis das Unmögliche möglich wurde. Ich hatte keine Ahnung, dass die Kapazität eines Busses sich auf diese Weise dramatisch steigern lassen könnte.
Als ich einmal mit einer jungen Frau als letzte noch vor dem bereits überfüllten Bus stand, wollte ich sie vorlassen ~ höflich, wie ich nun mal bin. Sie bestand jedoch darauf, dass ich, der Ältere den Vortritt haben müsse (so langsam beginne ich, diese Tatsache zu genießen *grins*). Und so standen wir dann schließlich beide auf der untersten Stufe. Sie links, und ich rechts, dort, wo auch die Falttür angeschlagen ist. Wir hätten wirklich beide nicht mehr einsteigen sollen / dürfen, denn als diese Tür sich dann Dank der Hydraulik, Pneumatik oder welchem technischen druckausübendem Mittel schloss, presste sie uns beide wie zwei Sardinen weiter in diese Bus genannte Sardinenbüchse hinein, dass mir fasst die Luft wegblieb. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, welche Kraft so eine Busfalttür entwickeln kann.
Das alles passierte natürlich nicht auf meiner ersten Busfahrt, sondern im Laufe der vielen, die noch folgen sollten. Und als ich nach dieser dann heile wieder in meinem Hostel angekommen war, machten sich so langsam die schlaflosen Momente der Zugfahrt bemerkbar, so dass ich dann doch erst einmal abdanken musste, obwohl der Abend noch relativ jung war. Aber nicht nur im Zug, auch hier wurde geheizt, als wenn mindestens eine mittlere Eiszeit ausgebrochen wäre, nur konnte die Heizung weitestgehend abgedreht und ein kleines, etwas mehr als briefmarkengroßes Fenster geöffnet werden, womit ich dann das erste Mal wieder wunderbar und ohne irgendwelche Kühleinlagen schlafen konnte, und zwar von 10 bis 10, etwas, was ich normalerweise kaum schaffe.
Dafür schaffte ich es dann am anderen Morgen, nachdem ich das „smal breakfast“ (bestehend aus zwei verschiedenen Marmeladen, Brot und Butter) ~ wie es in der Hostelbeschreibung so schön hieß ~ vertilgt hatte, mich auf den Weg zu machen, um den langen Jammer der Lermontova Street mal in die andere Richtung abzuklappern. Am Ende dieser langen Straße war auf meiner Stadtplankopie schließlich ein Damm zu erkennen, mit dem dazugehörigen Wasser, das so ein Teil nun mal aufzustauen hat. Die Straße nahm und nahm kein Ende und nach einer Stunde hätte ich fast aufgegeben. Da glitzerte es plötzlich wässerig durch die Büsche und es gab ein Weg, um dem Geglitzer folgen zu können. Und da lag sie dann im Sonnenschein vor mir, diese Bucht, und ich brauchte nur noch der Einladung ihres Ufers zu folgen, um zu schauen, was es hinter den Biegungen zu entdecken galt. Auf jeden Fall war es ein bezauberndes Fleckchen Erde, von Wasser eingerahmt.
Im Sommer dürfte es hier pickepackevoll sein und von Menschen nur so wimmeln. Waren doch auch an diesem Tag einige unterwegs, die genau wie ich von dem schönen Tag ans Wasser gelockt worden waren. Alle Nase lang brannten kleine Feuer, an denen meist jüngere, aber auch ältere Menschen saßen und irgendetwas futterten und tranken. Vom Lärm der Straße und der Stadt war hier nichts mehr zu hören und wieder überrollte mich dieses Glücksgefühl, das durch kleine Dinge ausgelöst werden kann. Zumal ich mir auf meinem Weg entlang der Bucht darüber klar wurde, wie es nun weitergehen sollte. Ich wollte dem kleinen Ort Lisvyanka, direkt am Baikalsee gelegen, einen Besuch abstatten, mit der Bahn die alte stillgelegte 84 Kilometer lange Strecke der ursprünglichen Transsib abfahren, die Insel Olkhon für 4 Tage heimsuchen und mich um mein Ticket für die Weiterfahrt in die Mongolei nach Ulan Bartor kümmern. Für all diese Dinge galt es nun herauszufinden, wo und wie ich die nötigen Informationen, die Tickets und sonstiges Wissenswertes bekommen könnte. Aber erst einmal hatte ich den langen Weg nach Haus, sprich zum Hostel zu bewältigen. Und um den langen Marsch entlängs der Straße nicht ein zweites machen zu müssen, fragte ich mich nach bewährter Methode wieder so lange durch, bis ich den richtigen Bus ~ dieses Mal einen Minibus ~ erwischt hatte, und dann konnte ich loslegen mit dem, was ich mir an der Bucht überlegt hatte.
Das Thema Mongolei-Ticket und die Fahrt nach Lisvyanka war schnell geklärt. Für ersteres musste ich zum Hauptbahnhof, wurde dort mit meinem Zettel von einem Schalter oder einer Instanz zur nächsten verwiesen, bis ich im Obergeschoss dann bei den Fernzügen landete und das begehrte Stück Papier bekam. Und für die Fahrt an den großen Teich „Lake Baikal“ hieß es, am anderen Morgen zum Busbahnhof zu fahren, eine „marshrutka“ mit der entsprechen Zielangabe zu finden, einzusteigen, zu warten, bis sie voll ist und dann loszufahren. Und genauso einfach gestaltete es sich auch und nach etwas mehr als einer Stunde war ich dann vor Ort und stand zum ersten Mal am Ufer dieses riesigen, irgendwas um die 1,5 Kilometer tiefen Süßwassersees. Auf meinem Streifzug am Ufer entlang, entdeckte ich in der Nähe eines hübsch angelegten Picknick-, Bade- und sonstigen Platzes die ersten Boten des tibetanischen Buddhismus ~ vielleicht auch der sibirischen, bzw. buriatischen Schamanen, ich bin mir da nicht ganz sicher ~ mit Stofflappen umwickelte Bäume. Und wie diese Frei-Badeanstalt zeigte, kann in diesem kalten Gewässer auch gebadet werden, auch wenn es selbst in den kurzen heißen Sommern kaum mehr als 11 bis 15 Grad hat ~ die Eisschwimmer trauen sich das sogar im Winter bei Minus 40 Grad in einem extra dafür aufgehackten Loch zu tun. Na ja, wer's mag.
Und auch hier gab es einen kleinen obligatorischen Markt, auf dem unter anderem auch Fisch in allen Variationen verkauft wurde. Frisch, getrocknet, geräuchert, eingelegt und was weiß ich noch. Und als mir eine Babuschka ein Stückchen zum Probieren anbot, fiel mir die Empfehlung ein, auf jeden Fall den speziellen Baikalfisch, den Omul, einen lachsähnlichen forellengroßen Fisch zu probieren. Sie brach einen mittig auf, und ich durfte mir ein Stück rauspulen. Tja, und dann habe ich den Fisch gekauft, nicht weil ich mich verpflichtet fühlte, sondern weil er so lecker war. Für umgerechnet einen Euro. Und dann stand ich am Ufer dieses Sees und mümmelte genüsslich einen seiner Ex-Bewohner aus der Hand. Schon ein seltsamer Gedanke, oder?
Da mich meine Rückfahrt wieder zum Busbahnhof führte, habe ich mich noch schnell um mein Ticket für die Insel Olkhon gekümmert. Auch wieder mit ein paar Worten in kyrillischer Schrift, die nach einigem Hin und Her erneut ihre Wirkung taten. Tja, und damit stand nun fest, dass ich am Donnerstag mein gastliches Hostel verlassen und vor meiner Weiterreise in die Mongolei erst noch auf dieser Insel im Baikalsee landen würde. Wiederum per „marshrutka“. Und dieses Ticket musste am Busbahnhof gekauft werden. Es konnte nicht im Minibus gekauft werden, der mich in etwas mehr als fünf Stunden ~ incl. der Überfahrt mit der Fähre ~ nach Olkhon bringen sollte.
Das Ticket für die ehemalige, noch 84 Kilometer lange, nur einspurig restaurierte Transsib Strecke musste hingegen in einem speziellen Büro gekauft werden und die Fahrt würde dann am Hauptbahnhof losgehen. Allerdings gestaltete sich dieser Kauf wieder einmal etwas komplizierter, weil das Büro nur in ähnlich aufwändiger Suchweise zu finden war, wie schon bei den Läden beschrieben. Und das, obwohl mir Yana, eine der Mitarbeiterinnen des Hostels, den Weg dahin an und für sich gut beschrieben hatte. Aber ich fand dieses Büro im ersten Durchgang einfach nicht. Wo ich überall rumgeturnt bin, geht auf keine Kuhhaut. Die letzten Hinterhöfe und Gassen habe ich abgesucht und nix gefunden. Und so musste ich am nächsten Tag noch einmal hin. Das Ganze habe ich dann mit meiner Zugfahrt kombiniert, was allerdings bedeutete, früh genug aufzustehen, den Berufsverkehr zu meistern und ein paar Umwege in Kauf zu nehmen. Aber wo ein Wille, da ist auch ein Gebüsch o.ä. und so saß ich dann ~ nachdem es nach erneuter Einweisung durch Yana dann doch noch geklappt hatte, pünktlich im Zug, der außer mit Russen auch mit drei Deutschen die Fahrt antrat. Uns findet man halt überall, wie ich immer wieder feststellen sollte, schon ganz schön putzig. Nur schade, dass alle Ansagen nur in Russisch erfolgten, obwohl die Zugbegleiterin Deutsch sprach. Aber immerhin tauchte sie hin und wieder bei mir auf, um mir den russischen Text, den sie in epischer Breite erzählte, in Kurzform zu verklickern. Auf diese Weise + dem in Deutsch gehaltenen Begleitheft, erfuhr ich dann doch 'ne ganze Menge über diese alte Eisenbahnstrecke.
Außerdem sorgte Maryna dafür ~ so hieß die Zugbegleiterin ~ dass ich nicht allzu sehr vom Fleisch viel, denn ich hatte mich an diesem Morgen verschlafen, was seit ewigen Zeiten nicht mehr vorgekommen ist. Auf Grund des erneuten Simkarten Wechsels hatte ich nicht aufgepasst und mein Handy falsch programmiert. Da bin dann halt im Affentempo durchs Bad gefegt, habe auf mein „smal breakfast“ verzichtet und dann in der Hektik doch glatt meine am Abend vorher geschmierten Kniften vergessen. Maryna ~ selbst gut genährt ~ lotste mich dann später in einem Dorf während einer Pause zusammen mit einigen anderen in das klitzekleine Häuschen einer alten Frau. In diesem Dorf gab es nur noch 9 Einwohner, wie sie uns erzählte. Unter anderem besagte alte Frau, die uns neben Borschtsch (die wohl bekannteste russische Suppe) auch Pilmjeni (eine Art Maultaschen) anbot. Frischgekocht, versteht sich. Ich nahm beides, da ich inzwischen ziemlichen Kohldampf hatte und kann nur sagen, es schmeckte klasse, was die alte Dame da gekocht hatte.
Um die Winzigkeit ihres Domizils deutlich zu machen, die Raumhöhe war nur geringfügig höher als Türhöhe. Der L-förmige Raum, in dem wir zu neunt eng an eng an einem Tisch auf zwei Ein-Brett-tiefen Bänken (ca. 20 cm) saßen, enthielt außerdem noch die Kochstelle, eine nicht kleine Kommode, einen hohen Kühlschrank mit kleinem Gefrierfach, einen weiteren kleinen Tisch mit Stuhl, diverse Pflanzen und viele, viel Kleinigkeiten, auch Nippes genannt. In dem Bereich, der durch den L-förmigen Grundriss separiert wurde, dürfte sich ihr Schlafzimmer befunden haben, jedenfalls war alles zusammen nicht größer als eine Gartenlaube und wie alle russischen Räume ~ egal, ob Wohnung, Zug, Bus oder Auto ~ in denen sich Menschen aufhalten, bullig aufgeheizt.
Um es kurz zu machen, diese Fahrt hat zwar den ganzen Tag gedauert, von morgens kurz nach acht bis in den frühen Abend. Und als ich endlich wieder im Hostel eintrudelte, zeigte die Uhr 21 Uhr. Aber der Tag war jede seiner Sekunden wert, auch wenn an diesem Tag zum ersten Mal in Irkutzk etwas Schnee lag, es wie bei meiner Ankunft, minus 2 Grad war. Für mein Empfinden hätte das ein oder andere kürzer abgehandelt werden können, vor allem die Pausen, weil der Wind die Kälte beim Draußen-herum-laufen noch potenzierte. Aber dieses Gewässer hat etwas, das ich in dieser Form noch bei keinem See, Fluss oder Meer gespürt habe. Ich kann mir guuut vorstellen, nicht das letzte Mal hier gewesen zu sein. Vor allem möchte ich den Winter mit der riesigen Eisfläche hier mal erleben, falls es bei der globalen Erwärmung noch möglich ist. Aber morgen, am Donnerstag würde ich mich nicht mehr nur am Rand des Sees bewegen, sondern auf die Insel Olkhon wechseln, um komplett von ihm umgeben zu sein.
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