Moskau 

Etappe 13 ~ v. Mi. 26.09. bis Di. 02.10.2007

Meine bisher längste Bahnfahrt lag nach pünktlichen 8 Stunden wenig spektakulär hinter mir. Auf die Minute abgefahren, auf die Minute angekommen. Der Würfel des Zufalls hatte mir beim Fahrkartenkauf mangels beidseitiger Sprachkenntnisse keinen Fensterplatz beschert, sondern einen Platz direkt vor einem der ziemlich breiten Zwischenstücke zwischen den Fenstern ~ A- oder B-Säule heißt es beim Auto. Womit sich meine Aussicht auf diagonale Blicke über die Köpfe anderer Reisende durch deren Fenster beschränkte, die aber auch hier noch durch jeweils zwei Vorhänge noch weiter eingeschränkt wurde. Immerhin erhaschte ich so zumindest eine Ahnung davon, wie schön russische Landschaft an einem Zug vorbei ziehen kann.

Es war sowieso wieder so ein Eiertanz am Fahrkartenschalter. Und das, obwohl ich mir in russischen Lettern alles aufgeschrieben hatte und versuchte es auch durchzusetzen. Aber meine Wunschzeit gab es nicht mehr, mit allen Konsequenzen ~ wie schon in St. P. bereits angedeutet. Und das bedeutet, dass ich es in Moskau anders, sprich früher angehen würde, also gleich zu Anfang, nicht am Ende und auch nicht in der Mitte.

Aber noch bin ja nicht einmal da.

Wie würde es sein, wenn ich zum ersten Mal im Dunkeln ankommen und alles geregelt bekommen musste, und das in so einer riesigen Stadt mit weit über 14 Millionen Einwohnern? Und vor allem, wie würden sie sein, die Menschen, die ich dort treffe? Denn in meiner Anfangszeit, als ich mich Russland langsam näherte, erlebte ich ja Russen, bei denen ich das Empfinden hatte, dass sie einen  am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Und danach fast nur noch solche, wie sie freundlicher nicht sein könnten. Und von dieser Sorte ist mir im Zug, passend zur Ankunft wieder einer begegnet.

Mein Sitznachbar, dem ich wieder mit meinem Zettel und meinen kyrillischen Sätzen klar zu machen versuchte ~ weil er kein Wort Englisch sprach ~ dass ich irgendwie Hilfe gebrauchen könnte, schnappte mich beim Aussteigen, schleppte mich durch den riesigen Leningradskaya Vokzal nach draußen und weiter bis zur Metro Station an den Schalter. Hier kauft / schenkt er mir ein Ticket und liefert mich auch noch an der Rolltreppe ab, die mich zu meiner Bahn runterbringen soll. Im Zug hat er mir noch ergänzend einige Worte auf meinen Zettel geschrieben, damit ich ja den richtigen Umsteigebahnhof usw. erwische. Ist das nicht grandios? Zumal es hier in M. nicht ganz so einfach gewesen wäre, als in St. P. Hier stellte sich alles im ersten Moment sehr viel unübersichtlich dar, weil sehr viel mehr an Informationen auf den Schildern stehen, es mehr Bahnen in die unterschiedlichsten Richtungen gibt. Es gibt sogar eine Ringstrecke und welche die kreuz und quer verlaufen. Da wäre ich allein schon ganz schön ins Grübeln gekommen, zumal die vom Hostel zur Verfügung gestellten Infos auch nicht gerade das Gelbe waren. Aber es hat alles aufs Beste in der 21-Uhr-Dunkelheit geklappt, das Finden der Straße, der Hausnummer, des Eingang und das Stockwerks, was ja, wie schon beschrieben, alles in Russia nicht immer so ganz einfach ist, mangels brauchbarer und auch auffindbarer Schilder oder sonstiger Informationen.

Die Beschreibung, die man mir gemailt hatte, lautete in etwa so: „Wenn du rechts die Sowieso-Bank siehst, siehst du gegenüber das Hard Rock Cafe und das Haus gegenüber hat die Nr. 51, das verschiedene Eingänge hat. Es gibt aber kein Schild oder irgendetwas, das auf unser Hostel hinweißt. Nimm einfach den Eingang mit der Nr. 1. Das ist der, neben dem sich ein Bankautomat und eine Telefonzelle befindet und tippe die Ziffer 31, dann wird die Tür sich öffnen. Nimm den Aufzug in die 8. Etage und dann du bist da.

Nur als ich dann oben war, landete ich in einem Flur mit 3 Türen, wieder ohne Hinweis. An welcher sollte ich um 22 Uhr also klopfen / Läuten? Aber die erste war gleich die richtige und dennoch dachte ich, dass es sei die falsche sei, weil es so überhaupt nicht nach Hostel aussah. Noch weniger, als seinerzeit in Litauen in diesem Mini-Hostel. Aber ich bekam alles, was ich an diesem Abend noch brauchte, womit selbiger dann auch gerettet war. Aber nur der, denn nachdem die erste Nacht hinter mir lag, hatte ich die Schnauze ein wenig voll (ziemlich, trifft es besser). Und ich frage mich wieder allen Ernstes, will ich mir das weiterhin antun? Denn je weiter ich komme, um so beschissener und teurer scheinen die Hostels zu werden. 

Moskau ist tatsächlich unverschämt ~ aber das war ja nichts neues mehr. St. P. ging da ja noch. Heute morgen habe ich mir z.B. einen frisch gepressten Ananassaft in einem Supermarkt gegönnt. Und als ich dann auf meinen Spickzettel schaute, was denn die Rubelchen in Euro wert sind, hatte ich für den Becher glatt 5 Euro berappt. Das Bett kostet schlappe 20 Euro die Nacht und es ist sie nicht wert. D.h. das Bett schon, aber der Rest nicht. Ich könnte fast Schiss bekommen, dass meine Taler nicht reichen. Allein die Registration, die in jeder Stadt neu erfolgen muss, kostet hier 7 mal mehr, als in St. P. = 700, statt 100 Rubel. Ich habe heute bereits zweimal dem Bankautomaten guten Tag sagen müssen, um alles bezahlen zu können.

Auf der Herfahrt ist mir außerdem eine Befestigung für meine zusätzlich erstandenden Packtaschen abgerissen, Und niemand kann mir eine Nähstube o.ä. benennen, wo ich das reparieren lassen könnte. Genauso, wie niemand mir bisher sagen konnte, ob es irgendwo so etwas wie Koffergurte zu kaufen gibt, mit denen ich das ganze provisorisch zum halten bekäme. Ohne die reparierte Befestigung kann ich den Rucksack kaum auf den Rücken bekommen, weil das Teil im Weg ist, hin und her schlackert. Einfach Scheiße. Manoman.

Im Hostel gab es keinen Stadtplan von Moskau, weil sie keinen finden konnten. Dabei wäre er nicht mal „for free“ gewesen, wie bisher. Aber ich fand auch keinen Buchladen, in dem es so etwas zu kaufen geben könnte. Und der Verkehr ist ätzend und stinkt, ich habe bereits Japaner entdeckt, die mit Mundschutz durch die Gegend laufen. Und man kommt hier für 200 / 300 und mehr Meter nicht auf die andere Straßenseite. Erst dann tauchte eine Unterführung auf, nur war sie manchmal so versteckt, dass ich sie nur durch Zufall fand. Die andere Straßenseite ohne Unterführung zu überqueren, wäre einer der Szenen nahe gekommen, wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt, in denen ein Bulle todesmutig einen Verbrecher mitten durch den brandenden Verkehr eines Highway verfolgt. Nix für Landeier wie mich. Aber für andere auch nicht, jedenfalls habe ich nie jemanden gesehen, der es gewagt hätte.

Ich habe im Moment den Eindruck, dass ich ziemlich froh sein werde, wenn ich diesen Moloch am zweiten Oktober hinter mir gelassen haben werde. Dazu muss ich mir aber mal so langsam meine Zugfahrkarte nach Irkutzk kaufen und mein Visum für die Mongolei beantragen, damit ich es auch habe, wenn es denn dann so weit ist. Beides ist wieder 'ne Herausforderung, vor allem Letzters, da im Hostel niemand etwas weiß, wo ich eine Agentur o.ä. finden kann, die so etwas erledigt. Selber zur Botschaft zu marschieren würde ich nur dann, wenn ich keine Agentur fände. Glaubte ich. Bis ich dann heraus fand, dass sich besagte Botschaft hier direkt umme Ecke befand. Also nix wie hin, nur dass sie leider schon geschlossen hatten. Also, musste es einen neuen Versuch am nächsten Morgen geben der allerdings so vorzüglich klappte ~ nach dem ich Pass + Foto + ausgefülltes Formular + Rubelchen abgeliefert hatte ~ dass ich mein in den Pass eingeklebtes Visum bereits nachmittags um kurz nach 16 Uhr in meinen Patschhändchen hielt. Juhuuu, Mongolei, ich komme.  Nun brauche ich noch das Ticket und das Hostel.

Nur welches Ticket? Ein durchgängiges, in einem Rutsch nach Irkutzk? Oder lieber zwei oder drei, um diese Riesenstrecke von weit über 5000 Kilometern in etwas kleinere Abschnitte ~ Jekaterinenburg, Omsk, Novosibirsk ~ zu zerlegen? Kleiner ist gut, und hätte ich gerne gemacht, wenn sich denn ein Hostel in diesen Städten hätte finden lassen. Aber all meine Buchungseiten, incl. google, worüber ich bisher immer noch fündig geworden war, lieferten nur Hotels ab 100 Euro aufwärts und das gibt meine Reisekasse nun mal nicht her. Also doch in einem Rutsch, denn aufs Geratewohl zu fahren um vor Ort fündig zu werden, traute ich mich dann doch (noch) nicht. Aber erst einmal musste die richtige Anlaufstelle in einem der 9 Bahnhöfe gefunden werden. Und möglichst eine, mit der ich Englisch parlieren konnte. Und da lag der Hase dann schon wieder im Pfeffer. Und zwar so sehr, dass ich beim ersten Versuch unverrichteter Dinge wieder zum Hostel zurückfuhr, um hier vielleicht mehr zu erfahren. Und siehe da, ein Österreicher, der das Ticketspiel schon hinter sich hatte, konnte mit den richtigen Infos aufwarten, die dann am nächsten Tag auch zum Erfolg führten. Ein zweiter Klasse Platz in einem Kupee war mir damit sicher. Die dritte Klasse traute ich mich auf dieser langen Strecke nicht zu nehmen, denn das wäre dann ein Wagen mit einer Art Pullmannsitze gewesen, und die hatte ich ja in gar nicht guter Erinnerung.

Bevor ich aber mein Ticket in der Hand halten konnte, musste es natürlich erst einmal bezahlt sein. Und da gab es das nächste Problem, da ich vergessen hatte, vorher zu Bank zu marschieren. Also sollte einer der Bankautomaten mich mit der nötigen Knete versorgen. Allerdings denkt ein solider russischer Bankomat gar nicht daran, einen hergelaufenen Germanen mit Rubeln zu versorgen. Sie waren entweder von vornherein gleich „out of order“, oder akzeptierten meine Karte nicht. Einer war sogar so hinterfotzig, dass er meine Karte an nahm, mich durch das englische Menü führte, den Betrag eingeben und mit enter bestätigen ließ, meine Karte wieder rausrückte, aber keine Taler ausspuckte. Da hatte ich den Salat. Es war Sonntag, kein Schwein quatschte Englich, ich Schwein kein Russisch ~ wie jetzt doch noch zu einem Erfolgserlebnis kommen? Nicht dass der Lümmel von Bankomat seinem Herrchen Vollzug meldet, mein Konto um den Betrag erleichtert und das alles ohne monetäre Gegenleistung.

Also erst einmal wieder zurück ins Hostel, um mir mein Notebook zu schnappen und rüber zu McDonnalds zu wechseln, um meiner Bank über dass angbotene WLAN 'ne Mail zu schreiben und sie vorzuwarnen. Außerdem die Homepage der Russenbank angeklickt, um nach einer Kontaktmöglichkeit zu fahnden, um auch hier entsprechend zu intervenieren. Das gelang mir allerdings erst, als ich zwei Mädchen, die genüsslich ihre Pommes mümmelten, um Hilfe bat, denn die Site war komplett in Russisch gehalten.

McDonnalds, der (auch von mir) viel geschmähte Fastfood Laden wurde hier in Moskau mit seinem Café eh mein Retter in der Internetnot. Einen Cappuccino bestellt, evtl. ein Stückchen Kuchen dazu und WLAN, Skypen, alles war möglich. Offiziell für 'ne halbe Stunde, aber das ließ sich leicht austricksen, denn 30 Minuten sind nun mal nicht viel Zeit in den weiten des Nets, gelle?

Anschließend bin ich dann zu der Bank marschiert, bei der ich meine Taler bisher anstandslos bekommen hatte, in der Hoffnung, dass das auch an diesem Tag so ein würde. Aber Pustekuchen, auch der Automat hatte seine Arbeit am Sonntag niedergelegt und sein russischer Kollege, wollte wieder nichts von meiner Karte wissen. Dann entdeckte ich in einiger Entfernung ein Firmen Logo, das mir sehr bekannt vorkam. Das Logo einer russischen Raiffeisenbank. Und deren Bankomat funktionierte, sogar mit deutscher Menüführung. Ist das nicht Spitze? Und damit stand nun dem Kauf meiner Fahrkarte nichts mehr im Weg, auch wenn dafür wieder fast ein ganzer Tag drauf gegangen war. Immer diese administrativen Dinge aber auch.

Und nun sitze mal wieder bei strahlendem Wetter bei McD. ~ viel zu schade ~ und versuche Infos zu bekommen, die für mein Weiterkommen wichtig / interessant sein könnten. Manoman, da gilt es wieder Entscheidungen zu treffen, denn anschließend will ich ja zum Ticketkauf.

Strecke nach Irkutzk = 4 Tage oder mehr als 80 Stunden Bahnfahrt und mehr als 5000 Kilometer. Das ist doch schon 'ne Huasnummer. Und als ich das las, wurde mir doch etwas anders, wusste aber nicht recht, wie ich es anders machen sollte. Irgendwo auf halber oder gedrittelter Strecke einen Zwischenstopp von 2 oder 3 Tagen einlegen? Und das mit dem Gefühl, mir läuft die Zeit weg, denn am 19.10. muss ich Russia verlassen, ob ich will oder nicht. Gott sei Dank habe ich aber immerhin das Visum für die Mongolei. Ich kann mich mal wieder nicht so recht entschließen und bin zu kribbelig, als dass ich reinspüren könnte. Muss ich wohl durch ~ so, oder so.

Gestern Nacht übrigens, war ich das erste Mal Sumpfen, d.h. eine junge Frau aus Berlin, die sich mit mir das Zimmer teilte ~ neben den anderen ~ kam rein und erzählte, dass sie gleich zu mehreren in einen Club wollten, der ein wenig künstlerisch angehaucht sei, mit Büchern, Lifemusik und weiß der Geier, was sonst noch, ob ich nicht Lust hätte mit zu kommen. Im ersten Moment kam mir das erst etwas seltsam vor, da es ja alle recht junge Typen sind, die da losziehen wollten, habe mich dann aber eingereiht.

Und dann ging's per Metro mit mehrmaligem Umsteigen irgendwohin, wo wir erst noch ein Stück laufen und auch suchen mussten, da hier in Russia ja fast alles immer fürchterlich versteckt ist. Wir landeten schließlich in einem Hinterhof, in den ich nie geschaut hätte. Nirgendwo ein Hinweis, erst in der letzten Ecke ein etwa WC-Schild großes Zeichen, dass sich der Club dort im Keller befindet. Ein wirklich uriges Gemäuer mit kräftigen Kassierern als ernst zu nehmende Hürde und dahinter voller Menschen. Den Buchladen gab es tatsächlich, mit Büchern von und über Brecht und allem möglichen Es spielte eine Band aus dem ehemaligen Jugoslawien, konnte aber nichts genaueres in Erfahrung bringen. Und sie spielten gut und non stop bis nach 00:00 Uhr. Es hat richtig Laune gemacht, obwohl damit auch unsere letzte Metro weg war. D.h. wir mussten später dann iiiiirgendwie ein Taxi finden, was in Moskau ja nicht schwer sein soll.

In dieser Nacht habe ich dann auch mein erstes russisches Bier getrunken, was sogar für mich als Nicht-Bier-Trinker trinkbar war. Mit dem Krug in der Hand landeten ~ nur zu dritt, die anderen hatten es sich anders überlegt ~ am Tisch von Andrewj, der schon mächtig geladen hatte, aber von der freundlichen Art war und es auch blieb, obwohl Wokka und Bier in Strömen flossen. Bei  ersterem habe ich aber mich strickt geweigert und beim Bier mächtig zurückgehalten. A. War dann irgendwann so voll, dass er mich an diese Sylvester Geschichte mit dem „The same procedere as last year“ erinnert, wo der Buttler schließlich nur noch lallen kann. Und A. lallte Englisch und Russich perfekt durcheinander. Ich hätte mich wegschmeißen können. Zwischendurch verschwand er immer mal wieder, aber niemand wusste wohin oder was er machte. Und dann tauchte er wieder auf, (fast) frisch, wie ein Fisch und es ging munter weiter.

Aber auch unser Neuseeländer hatte ziemlich getankt, und die Berlinerin war auch nicht mehr soooo ganz allein. Irgendwann gegen 2:30 meinte sie dann, dass wir langsam wohl heim sollten, ging noch mal tanzen und kam nicht wieder. Ich entdeckte sie lässig zusammen mit einem wirklich süßen Russen in ihrem Alter an einen Pfeiler gelehnt und von Heimfahren war nun nicht mehr die Rede. Was ich durchaus nachvollziehen konnte. Dabei hattenwir für den Heimweg auf sie gebaut, war sie doch diejenige mit Russischkenntnissen, die uns auch her gelotst hatte und das auch wieder  in umgekehrter Richtung tun sollte.

Tja, dann stand ich da mit einem mehr oder weniger betrunkenen Kiwi auf der Straße und versuchten ein Taxi zu bekommen, wo doch alles immer davor warnt, so etwas nachts in Moskau zu tun. Aber erst einmal mussten wir den Boulevard wieder finden, den wir gekommen waren, was auch prima klappte. Mr. Newzeeland war immerhin noch nüchtern genug ~ und verfügte über die größere Erfahrung in Moskau ~ das Taxi klar zu machen. In unserem Fall wurde das ein Privat Fahrzeug, dessen Fahrer er angequatscht hatte. Der brachte uns dann für 200, statt 400 Rubel zum Hostel, die ein offizielles Taxi hatte haben wollen. Und weil unser Fahrer ein „good boy“ war, bekam er dann 30 Rubel Tipp, also fast den Betrag (250 R.), den er ursprünglich haben wollte. Versteh einer die Menschen, da handelt er erst wie ein Kesselflicker und dann das. Aber ich fand's gut.

Diese Fahrt ~ und auch der Abend ~ war eine interessante nächtliche Erfahrung in dieser Stadt, mit diversen Unfällen, Kreuz- und Quer-Schlenkern, weil unser Fahrer nicht so fahren konnte, wie es am kürzesten gewesen wäre. Und dann lag ich gegen 3 Uhr im Bett, die Klamotten nach Rauch stinkend und aufgekrazt wie immer, wenn es so spät wird. Miss Berlin folgte dann später um 8 Uhr, womit die Besatzung des „Sweet Moscow“ dann wieder komplett war, jedenfalls der, mit dem ich meistens zu tun hatte.

Meinen Rucksack habe ich am Tag vor meiner Abreise dann doch noch auf mehr oder weniger elegante Weise davon überzeugen können, dass er mich hier in der Großstadt- und sonstiger Pampa nicht einfach im Stich lassen kann. Ich habe nämlich auf dem kleinen Markt am Leningradskaya Vakzal a) einen Gürtel für einen ziemlich beleibten Menschen gefunden, der den Umfang meines Gepäcks hat und b) eine kleinfingerdicke stabile Kordel, die zum Einsatz käme, wenn der Gürtel wider erwarten doch nicht reicht. Damit hing Moskau zwar nun doch nicht an einem seidenen Faden, aber ohne diese beiden Errungenschaften hätte es ganz schön mau ausgesehen. Der Gürtel ist zwar nicht besonders schön ~ normalerweise hätte ich ihn nie gekauft ~ aber gleich beim ersten Ausprobieren erfüllte er brillant den Zweck, den er erfüllen sollte. Und das für 100 Rubel, weniger als 3 Euro. Damit kann es mir egal sein, ob ich in Irkutzk oder sonst wo noch jemanden mit Nähmaschine finde oder nicht. Und mit der Kordel könnte ich jetzt Seilhüpfen üben. Und das mit dem Rucksack auf dem Puckel, das wär's doch.

Tja, Moskau, das war's dann auch schon. Ich hätte gern viel mehr von dir gesehen, aber es gab nun mal einiges, das dieses Mal absolut Vorrang hatte. Ich war froh, all diese Dinge dieses Mal bereits zum Anfang meiner Moskauer Zeit in die Hand genommen zu haben, andernfalls hätte es mich ganz schön in Schleudern gebracht, manches wäre gar nicht möglich gewesen.

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